Das Ende der Welt

Das Ende der Welt

Und wiedereinmal hat mich Jörg an’s Ende der Welt verschleppt. „Mar Tranquilidade“. Ein euphorisch besprochenes Kleinod im Westen der Insel Santo Antao. Was ihr hier lest ist die Abschrift des „von Hand“ – Eintrags in das früher übliche Reisetagebuch. Am Abend unserer Ankunft erschien mir das die einzig mögliche Dokumentationsform zu sein, da es hier nur abends ab 18 bis 23 Uhr und mittags von 11 – 13 Uhr Strom gibt. Internet läuft hier maximal mit 28k (kein Scherz).

Die Fahrt hierher war spektakulär. Am Hafen auf der Insel angekommen gab es erst Missverständnisse bezüglich der Nullen hinter dem geforderten Beförderungspreis. Preise schreibt man hier so: 700$00. Das sind nicht ganz 7 Euro – es sei denn man interpretiert das auf die Hand gemalte Preisschild falsch und kommt auf 70 erstaunliche Euro. Was näher betrachtet ja auch wieder Quatsch ist ;-).

Jörg und der Reiseführer hatten in Bezug auf die zu erwartenden Strapazen bei der Anreise vorgewarnt – ich hatte deshalb Schreckliches erwartet. Zunächst war aber alles supereasy. Gut die erste Hälfte der 22 km-Strecke über die Berge bis hoch auf 1500 m war locker. Ein paar Serpentinen. Spektakuläre Ein- und Ausblicke auf Meer, Berg und Tal. Genial. Dann teilt sich die Piste. Und wir fahren die zweite Hälfte der Strecke auf einem miesen Wanderweg wieder 1500 Höhenmeter hinab. Zum Glück sitzen wir mit 2 jungen Müttern mit Baby im Innenraum des umsichtig gesteuerten Pickups. Man kann die Fahrt auch auf der Außenbank eines hiesigen Aluguers erleben. Nach einer Ewigkeit und viel Gehoppel sehen wir noch viele Höhenmeter unter uns ein paar mehr oder weniger bunte Häuschen in der Nähe eines schwarzen Strandes. Drei ungewollte Kopfstöße und endlose Kurven und Schlaglöcher später sind wir endlich unten auf Meereshöhe angelangt. Das erste was ich sehe ist ein riesiges schwarzweißes Schwein das schnell vom Weg trabt. Unserem hällischfränkischen garnicht unähnlich. Halluzinationen? Nein Dorfidylle.

Nach der Ankunft bin ich ziemlich durch den Wind und freunde mich mit der als „authentisch“ beschriebenen Behausung erstmal nicht sofort an. Das Zimmer ist mittelgroß hat kleine Fenster, zwei Türen und eine kleine Nasszelle. Über dem Bett ist ein großes Moskitonetz angebracht.

Moskitonetz bedeutet auch immer das reichlich Getier in der Nähe sein muss – das hab ich gelernt auf Reisen mit Jörg ;-).

Beim ersten mal dachte ich noch: „oh wie romantisch.“ Nachts beim Geschwirr und Gewusel der ganzen Viecher wurde mir dann schnell klar, dass das Netz sinnvoll und nicht nur hübsch ist. Aber das war damals vor 11 Jahren in Laos in einem Öko-Ressort. Und da gab’s auch handgroße Spinnen und Frösche auf der Klobrille.

Die Leute hier im „Mar Tranquilidade“ sind auch sehr Öko. Das verrät uns die zur Pflichtlektüre ausgelegte in Plastikfolien eingepackte Begrüßungsbroschüre. Wer Insektenspray benutzt um die Bude ameisenfrei zu gasen kann des Hauses verwiesen werden. Jörg packt seine Neuanschaffung deshalb besser nicht aus. Er hat in Mindello tatsächlich ein Insektenspray gekauft weil es keine Mückenklatschen gab.

Kurz und gut: es hält sich mit den Viechern in Grenzen bisher. Ameisen sind zwar etwas zahlreich und lästig beim rumsitzen auf den Mäuerchen hier – lassen sich aber von einem Sprühstoß Autan mühelos von anderen Trampelpfaden überzeugen.

Zum Ort hier: vielleicht 500 Einwohner – Fischerboote und Hühner mitgezählt. Keine „No Stress“ Läden. Das einzig aufregende hier: die Brandung am Strand nimmt fast unsere sicher geglaubten Klamotten mit. Und ab und zu fällt mit viel Sinn für Dramatik eine von uns liebevoll „Killerschote“ genannte Baumfrucht von oben auf die Esstische der Terrasse.

Die ersten beiden Tage find ich sehr : „naja“. Ich bin keine „Naturliesel“. Ich entspanne mich besser im Liegestuhl als auf Steinmauern. Die Ameisen und sonstigen Blütenkrümel die ständig aus den schattenspendenden Bäumen rieseln, machen mich ein wenig kribbelig. Aber abends wird’s auch mir hier idyllisch ums Herz. Wir sitzen auf der Terrasse und warten mit einem Sundowner in der Hand auf den allabendlichen Sonnenuntergang. Wir fallen nach dem wirklich leckeren Abendessen um 20 Uhr ins Bett bis uns morgens um 4 die Dorfhähne wieder wachkrähen.

Highlight des Aufenthalts: ein Bootsausflug zu einem feinsandigen Lavasandstrand mit anschließender kleiner Wanderung zum nächstgelegenen weiteren Ende der Welt: Monte Trigo. Rückfahrt mit live Fischausnehmshow und ungelenkigen Bootseinsteigeaktionen meinerseits.

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