Im großen Krematorium

Im großen Krematorium

Normalerweise liegen die Verbrennungsstätten für Leichen in Indien irgendwo am Stadtrand. Anders in Varanasi: die gesamte 1,2 Millionen Einwohner zählende Stadt gilt als Mahashamshana, als Großes Krematorium. Am Ufer des Ganges finden rund um die Uhr Einäscherungszeremonien statt.

Wer hier stirbt, soll aus dem ewigen Kreislauf von Leben – Tod – Wiedergeburt erlöst sein. Leben … hier sterben … und tschüss. Genau 3 Stunden brennt ein Feuer pro Leiche. Die Reste werden dann dem Ganges übergeben. Die Doms, die unberührbaren Totenwächter, sind ununterbrochen damit beschäftigt, den Glücklichen, denen es ein Privileg ist hier sterben zu dürfen, mit dem notwendigen Brennholz zu versorgen.

Denn gestorben wird hier ständig. Viele kommen extra dafür hier hin. Dementsprechend hebt diese Stadt den Ausdruck „morbider Charme“ in eine andere Dimension. Nur Babys, schwangere Frauen, Leprakranke und durch Schlangenbisse gestorbene werden nicht verbrannt. Ihre Körper werden am Ufer einfach so in den Ganges gekippt.

Wir schauen uns ein paar Verbrennungen an. Keine bedächtige Trauer sondern wuseliges Treiben. Verbrennungen wie am Fließband. Das Normalste der Welt.

 

Ganz nah ran dürfen wir nicht. Direkt an den Scheiterhaufen sind nur Angehörige der Toten gestattet. Nicht ganz: Frauen dürfen nicht hin. Das würde die Atmosphäre versauen. Die heulen zu viel.

Genug gesehen. Genug Rauch eingeatmet. Wir wollen uns durch die sehr engen Gassen der Altstadt zurück zum Hotel schlagen. Laut Reiseführer ist Verlaufen vorprogrammiert. Tja … stimmt.

Wir irren durch enge Gassen vollgestopft mit spitzkegeligen Curry-Pyramiden, elefantenköpfigen Götterbildern, Autobatterien, Seidenschals, Teehändlern, Saris, Wahrsagern, scheißenden Kühen, Rikschas, Silberschmuck, Ziegen, Betelnüssen, Bettlern, Heilern, Gebissen, Quacksalbern, Krüppeln, kuhfladenversauten Straßen, Affen, ächzenden Häusern, bunten Tempeln, gottessüchtigen Spinnern, Gewürznelken, brennenden Leichen, ungezählte Blumengirlanden und ständig laut hupenden Mopeds. Ein permanenter Anschlag auf die Sinne. Undestilliert. Maßlos. Schädelsprengend. Leben wie am letzten Tag vor dem jüngsten Gericht.

Irgendwann finden wir da raus. Ein Häppchen Essen. Dann ins Hotel. Pause! Hinlegen!

 

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