Indian Railways – Teil 1

Indian Railways – Teil 1

Premiere für mich. Versucht haben wir's immer wieder, auch schon von Zuhause aus, aber in Khajouraho hat's dann erst geklappt mit dem ersten Ticket für eine Zugfahrt durch Indien. Und dann gleich mal lockere 1.100 Km und 21 geplante Stunden am Stück in der zweiten Klasse nach Udaipur. Unsere spontanen Entscheidungen – 4 Tage vorher – oder trickreiche Buchungssysteme die Pins nicht an ausländische Handynummern verschicken wollen hatten mein Debüt bisher erfolgreich verhindert. Und damit auch die von Anfang an beschlossene Widmung dieses Blogposts an Marco Bereth. Den Schutzheiligen einiger meiner deutschen Bahntrips.

Es geht zu einer absolut akzeptablen Zeit los. Wir verlassen unsere Zen-Osho-Ratz-Herberge gegen 8 Uhr und werden auf einem gar nicht so indisch anmutenden Bahnsteig (sauber, nicht überfüllt) abgeliefert. Zwei Kofferkulis nehmen uns diensteifrig in Empfang und versprechen uns für 1 EUR unsere Koffer und uns am richtigen Platz im Zug abzugeben. Wir schlagen zu. Speziell richtiger Wagen und Platz leuchtet uns ein. Weil – nein, es gibt keinen Wagenstandsanzeiger. Dafür eine scheduled arrival time. Die der Zug auch einhält. Ungefähr eine halbe Stunde vor Abfahrt fährt er pünktlich ein. Und ist leer. Das heißt wenig Gedränge. Wir werden im richtigen Wagen platziert. Das Abteil ist an der Seite abgeschlossen, hat je zwei übereinanderliegende Liegeflächen und ist nach vorne mit einem losen Vorhang versehen. Das erste was ich checke: Steckdosen. YES es gibt eine. Und einen Spiegel. Also eher zum Rasieren gedacht – aber das interessiert uns nicht so.

Punkt 10 nach 9 Uhr ruckelt der Zug dann auch los. Er hält an jeder Milchkanne. Manchmal für gute 20 Minuten. Die Landschaft ist wenig abwechslungsreich und das Fenster auch sehr niedrig angebracht. Die Klimaanlage rauscht vor sich hin und irgendwann packe ich meine Flauschsocken aus. Die Bänke sind hart – aber ich fange erstmal an zu lesen. Jörg pennt. Alles ist ruhig. Kein Gelabere… nur das schwankende Rattern des Zuges.

Im Reiseführer lese ich noch, dass Indien das zweitlängste Streckennetz der Welt betreibt, und dass hier jährlich so um die 400 bis 500 Unfälle mit 800-1000 Toten stattfinden. Was die indische Eisenbahn zur gefährlichsten der Welt macht. Jörg gefällt das.

Irgendwann kommt auch der Schaffner. Nur erkennbar an seiner „Ticket“ Forderung und einem Kugelschreiber und einem verratzten kleinen Buch das in der Hand hält. Vielleicht war auf seinem Sakko noch ein Wappen aufgestickt. Bin mir aber nicht so sicher. So lange der auf dem Bahnsteig rumsaß konnte man auf jeden Fall bequem in den Haltepausen Chips-Nachschub besorgen. Ich wollte möglichst selten die Toilette benutzen und Jörg hat eh die mit Leitungswasser-Zahnputz-Krankheit, also waren wir mit mehreren Tüten Chips (Lays salted ist unsere Lieblingsmarke) auf Diät. Chipstüten enthalten hier im günstigsten Fall 50 g Chips.

Der einzige Aufreger war, als Jörg relativ spät ankündigte nochmal Chips zu besorgen – und er noch nicht wieder an seinem Platz saß als der Zug losruckelte. Mein aufgeregtes „My husband is still outside“ (hohe, aufgeregte Stimme mit Wiederholung und wildem Gestikulieren vorstellen) hat das reichlich vorhandenen Zugpersonal nur mäßig beeindruckt. Mir schossen so Situationen durch die Birne, als ich mal meinen Travelbuddy Uwe auf einer Dienstreise verlor…. und Marco wieder mal helfen konnte. Zumindest was den Kontakt anging. Na auf jedenfalls hat Jörg (der seelenruhig die Hände nach seinem Toilettenbesuch die Hände wusch) meinen Einsatz bemerkt ;-)

Ansonsten sind 21 Stunden schon eine lange Zeit – aber sehr unterhaltsam wenn man eine Steckdose, ein iPad und einen doppelten Kopfhörerausgang dabei hat. Wir haben uns in aller Seelenruhe 8 Folgen von „Homeland“ reingezogen. Chips gemampft und die morschen Knochen in immer neue Stellungen gebracht, damit wir uns nicht wund sitzen.

Die Nacht war ok. Wir kamen überpünktlich um 6.05 h hier in Udaipur an. Haben den Typen an der Rezeption aus seinen Träumen geholt und unser neues Refugium bezogen, geduscht und bis 9 Uhr noch mal ein wenig gepowernapped.

Nach Frühstück und ausgiebiger Poolbesichtigung haben wir uns aufgemacht ins Städtchen um wieder mal auf einer Dachterrasse (4.Stock) freies Wifi mit Lassi zu genießen. DAS ist ein Arbeitsplatz ;-).

Zusammenfassend gesagt: Die Zugfahrt war sehr ok. War zwar keine erste Klasse sondern zweite – und die Toilette (indian style) stank bestialisch. Aber irgendwas ist ja immer.

 

5 Replies to “Indian Railways – Teil 1”

  1. Ich hab auch einen Lieblingssatz in dem Bericht:
    Jörg pennt. Alles ist ruhig. Kein Gelabere…
    Spezieller Gruß an Jörg-Ute

  2. Danke für die Ubersetzungsarbeit. Die ist wahrscheinlich unbezahlbar. Uns geht’s trotz indischer verdauungsdinge wirklich gut. Liebe Grüße an alle! Beate und Jörg

  3. Ha, endlich kommt mein Thema! Seit Tagen verfolge ich eure Erlebnisse, wähle sorgfältig aus, was ich unserer Mama wie verschlüsselt weiter erzähle… und das ist nicht viel. Aber in langen Zugfahrten kenn‘ ich mich aus! Zufällig wird Interrail dieses Jahr 40 – und wer wie ich mehrfach 42 Stunden lang durch Jugoslawien nach Griechenland gefahren ist, kann über 21 Stunden klimatisierte Zugfahrt zu zweit im Abteil mit Liegeflächen nur müde lächeln… Gut, wir waren jung, aber längst nicht so polyglott und elektronisch ausgerüstet. Den Walkman hat man unserem Mitreisenden schon fast innerhalb der Landesgrenzen geklaut, Unterhaltung war gleich 0. Und mal 2 Stunden in Jugo-Land einfach so auf dem Maisfeld im stehenden Zug bei 40° zu hocken macht auch keine Laune. Die Szene mit dem entspannt daher schlendernden Gatte kann ich widerum nachvollziehen, wie ein Déjà-vu…. weiter so!

  4. Auch wenn die Chips-Story auch ziemlich lustig ist, ist das hier mein Lieblingssatz: „Was die indische Eisenbahn zur gefährlichsten der Welt macht. Jörg gefällt das.“ Freue mich schon auf den nächsten Bericht :-)

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