Liveticker: Jaisalmer – Jodhpur – Mumbai – Goa

Liveticker: Jaisalmer – Jodhpur – Mumbai – Goa

Freitag, 9. Okt. 12, 9 Uhr / Ein Ort absoluter Ruhe. Keine nervenden Geräusche, keine weiteren Menschen … Stille … Leere. Wir haben diesen Sehnsuchtsort gefunden: ein buddhistisches Kloster im Himalaya? Eine Wüste oder ein stiller See? Fast, es ist der Flughafen von Jodhpur.

Wir sind tatsächlich die einzigen hier. Nein, nicht nur die einzigen Fluggäste, sondern halt die einzigen Menschen. Nur eine verirrte Taube gurrt Selbstgespräche.

Vor 5 Stunden sind wir vom rund 300 Km entfernten Jaisalmer losgefahren, da wir heute von Jodhpur über Mumbai an die Strände Goas fliegen wollen. Der Flug geht so kurz vor 14 Uhr. Beate quittiert die anstehende Wartezeit mit einem Lächeln. Entweder ist sie noch hundemüde. Oder tiefenentspannt. Oder beides.

9:13 Uhr / Wir haben also noch etwas Zeit. Zeit uns darüber zu freuen, dass uns der Taxifahrer überpünktlich abgeholt hat. Nicht selbstverständlich in einem Land, in dem Zeit als etwas überaus Relatives und Pünktlichkeit als regelrecht unhöflich angesehen wird. Zeit darüber zu staunen, dass – außer den üblichen entgegenkommenden Geisterkühen – auf der Fahrt nichts nennenswertes passiert ist. Zeit, Wetten abzuschließen, ob und wann die Geschäfte des Flughafens öffnen. Es sind genau 3 an der Zahl: ein kleiner Buchladen, der erstaunlicher weise diverse Bildbände über Indien führt, ein Buch über das Kama Sutra sowie weiterer diverse Bildbände über Indien.

Schräg gegenüber eine noch kleinere Drogerie mit hübsch aufgereihten Produkten wie Shampoos und Hautcremes für die Damen. Fünf Schritte weiter noch ein noch kleinerer Kiosk, der diverse Getränke sowie Chips und Kekse anbietet.

Wir werden also in den nächsten Stunden viele bunte Bilder gucken, unsere Haare und Haut gesund pflegen und uns furchtbar ungesund ernähren. Wir haben einen Plan … und Zeit. Vielleicht hätten wir doch ein wenig später losfahren sollen. Immerhin, auf dem Timetable sind für heute handschriftlich (!) 4 Flüge aufgeführt. Zwei Starts und zwei Landungen. Hinter jedem steht vermerkt „on time“. Hm, vielleicht ist dies aber auch die Timetable von gestern.

9.31 Uhr / Flughafenpersonal trifft ein. Genauer, ein Mann vom Reinigungsdienst, der mit einem Besen den in der Halle verstreuten Müll innerhalb kürzester Zeit kunstvoll zu einem hübschen Haufen rund um den einzigen und entsprechend übervollen Mülleimer des Flughafengebäudes auftürmt.

9:43 Uhr/ Zwei weitere Passagiere betreten das Gebäude. Rucksacktouristinnen aus Spanien oder so. Kurz inspizieren sie den Check-In Schalter. Schon aus der Entfernung heraus ein aussichtsloses Unterfangen, denn 1. schmückt den Schalter ein großes „Closed“ Schild und 2. ist noch kein weiteres Flughafenpersonal in Sicht, geschweige denn am Schalter.

9:54Uhr / Beate legt sich längs auf eine Sesselreihe und versucht zu schlafen.

9:56 Uhr / Beate richtet sich wieder auf.

10 Uhr / Ein weiterer Mensch betritt den Flughafen. Es ist der Kioskbesitzer, der selbigen dankenswerterweise umgehend öffnet. Ich besorge uns jeweils eine Dose mit Mango- und Orangensaft zum Frühstück.

10.04 Uhr / Weiteres Personal strömt im vollen Dutzend regelrecht in das Gebäude.

10.14 Uhr / Ich bereichere den Müllhaufen neben der übervollen Mülltonne mit jeweils einer Mango- und Orangensaftdose.

11 Uhr / Offensichtlich sind wir beide ein wenig weggenickt. Menschen, viele Menschen bevölkern das Gebäude. Angestellte, Passagiere, Sicherheitspersonal … puh, fast könnte man den Überblick verlieren. Oh, sogar der Müllhaufen neben der Mülltonne ist verschwunden. Beate schläft.

11.07 Uhr / Die Elektrizitätsversorgung scheint auf einem neuen Höhepunkt seiner Leistungsstärke angekommen zu sein. Zumindest strahlt uns jetzt ein eben noch dunkles Schild mit der Aufschrift „Airports Authority of India Welcomes you“ an. Danke.

11.12 Uhr / Beate ist wieder wach und stürzt sich sogleich in Aktivitäten. Kaffee sowie 2 Sandwiches mit Spinat und Käse besorgt sie. In Ermangelung an Wechselgeld beim Kioskbesitzer außerdem noch eine Packung Kaugummis.

11.46 Uhr / Für Statistikfreunde: von der Decke hängen 33 Ventilatoren (davon 31 aus) sowie 150 Leuchtstoffröhren, 142 davon funktionstüchtig. Weiterhin 12 nebeneinander aufgereihte ziemlich große Uhren, 2 Feuerlöscher, 90 Sitzplätze, 1 ca. 1×3 m großes Foto mit Gänseblümchen (Sicht von oben), 2 Röntgengeräte für das Gepäck. 6 Pissoirs, 3 europäische Toilettensitze, 1/2 Rolle Klopapier, 2 Waschbecken und 2 Handtrockner außer Funktion auf der Herrentoilette.

Dem Rechercheauftrag für die Damentoilette ist Beate noch nicht nachgekommen. Das gibt sicher Minuspunkte beim Toilettenkarma (unter Fachleuten kurz KK genannt für Klokarma).

11.50 Uhr / Wir checken für unseren Flug ein. Die Dame am Check-In legt keinerlei Wert auf einen Blick in unsere Ausweise. Entweder hat sie einen Röntgenblick oder einfach keinen Bock. Möglichkeit 2 scheint die wahrscheinlichere zu sein. Auf meiner Bordkarte wird mein Vorname als „Gorg“ vermerkt.

11.54 Uhr / Sitzplatzwechsel, einfach so.

12.27 Uhr/ Eine sehr hübsche junge Inderin lächelt mich überaus freundlich, ja fast herausfordernd an – von einem gegenüberliegenden Werbeplakat der Jodhpur National University. Wer Interesse hat (an der Uni natürlich): www.jodhpurnationaluniversity.com.

12.45 Uhr/ Beate rettet ihr KK. Also Nachtrag für die Statistik: auf der Damentoilette befindet sich 1 Sitz- und 1 Hocktoilette sowie 0 Rollen Klopapier.

12.51 Uhr / Ein Geschäft hatte ich übersehen bzw. fehlinterpretiert. Es scheint sich um einen Fachhandel für Kirchturmuhren zu handeln, denn die hier angebotenen Stücke sind EXTRA-LARGE. Keine von denen passt auch nur ansatzweise in einen handelsüblichen Koffer, geschweige denn ins Handgepäck. Wir spekulieren über das Geschäftsmodell.

13.06 Uhr / Haben den Security Check hinter uns. Hier darf man Wasserflaschen mit in den Flieger nehmen. Voraussetzung: man muß vor den Augen des tarnbeige uniformierten Security Personals ein paar Schluck aus der Flasche trinken. Mache ich. Überlege mir kurz nur so zum Spaß umzukippen. Verzichte jedoch, um weder eine internationale noch eine Ehekrise heraufzubeschwören.

13.17 Uhr / Am Security Check ist offensichtlich ein Beutel mit ein paar Wäschestücken übrig. Eine Uniformierte fragt durch den Warteraum brüllend nach dem Inhaber. Niemand meldet sich.

13.25Uhr / Boarding Time. Fluggesellschaft: Air India. Flugzeugtyp: A319. Erst vor wenigen Monaten stellte sich völlig überraschend heraus, dass nicht alle indischen Piloten für ihre Lizenz die Prüfer durch Fachwissen, sondern durch die eine oder andere Spende finanzieller Natur überzeugten. Wir haben die Sitze 10 B und C. Mal abwarten ob wir, nachdem der Flieger wieder Bodenkontakt hat, immer noch in einem Stück diese Plätze inne haben. Immerhin, wir sitzen nur eine Reihe hinter dem Notausstieg. Könnte also klappen.

14.03 Uhr / Eine ziemlich hübsche Stewardess die ziemlich genau weiß, dass sie ziemlich hübsch ist, serviert ziemlich laffe Sandwiches.

15.12 Uhr / Touchdown in Mumbai. Alles noch an seinem Platz.

15.22 Uhr / Mit dem Bus vom Flieger zum Terminal. Nach knapp 25 Sekunden hupt der Fahrer das erste Mal. Es folgen weitere. Der Blick aus dem Fenster bietet keine Antwort auf das Warum.

16 Uhr / Terminalwechsel für den Weiterflug um 18.55h. Wir finden den Weg nicht und nehmen draußen eine Rikscha. Nach knapp 3 Minuten sind wir da. Der Fahrer schwafelt ebenso falsch lächelnd wie maßlos unverschämt was von 1.500 Rupien (21 €). Beates Tiefenentspannung ist schlagartig vorüber. 8 Rupien pro Km gelten bei Taxis als Regel. Genau so schlagartig entspannt sie sich wieder, denn ich gebe dem Fahrer nach sehr kurzer und sehr intensiver Verhandlung 10 Rupien.

16.05 Uhr / Check-In für den Flug nach Goa. Auf Beates Bordkarte wird ihr Vorname als „Geb Lask“ vermerkt.

17.12 Uhr / Der Flughafen in Mumbai ist erwartungsgemäß wesentlich größer als der in Jodhpur. Deshalb unterbleiben an dieser Stelle weitere statistische Angaben.

17.36 Uhr / Eine der Flughafenbars macht tatsächlich Werbung mit Oktoberfest Bier. Globalisierung sollte wesentlich klarere Grenzen haben. Übrigens hat noch kein Bier oder Wein in diesem Urlaub unsere Kehlen befeuchtet. Warum? Warum nicht?!

18.02 Uhr / Beate spendiert 2 Samosas: Gemüse in einem pyramidenförmigen, frittierten Teig. Der Schärfe nach zu urteilen definitiv nicht die Touristen-Variante.

18.58 Uhr / Boarding. Der Busfahrer hat es auf dem Weg vom Terminal zum Flieger tatsächlich geschafft, nicht zu hupen. Wahrscheinlich ist das Ding kaputt.

19.17 Uhr / Startflug über Mumbais Lichtermeer. Und dann schnell übers richtige Meer. Alles stockdüster.

21.35 Uhr / Von der trockenen Wärme Rajastans in die feuchte Hitze Goas. Dampfende 29 Grad schlagen uns entgegen. Ab ins Taxi. Noch 70 Km bis zu unserer Unterkunft (http://www.homeispatnem.com) am Patnem Beach.

22.47 Uhr / Ankunft. Endlich! Hat ' ne Weile gedauert, bis unser Kamikaze-Fahrer unsere Unterkunft gefunden hat. Die Unterkunft ist klein, einfach, sauber. Und liegt direkt am Strand. Wir hören im Bett liegend die Wellen ans Ufer rollen. Feierabend … das Wochenende wartet.

 

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