Stille Magie

Stille Magie

Olifantrus Camp Etosha
Olifantrus Camp Etosha

Dies ist der wohl ungewöhnlichste Ort, an dem ich jemals etwas geschrieben habe! Ever, ever, ever. Nur wenige Meter vor mir ein schlammiges, bestenfalls kniehohes Wasserloch. Dahinter die schier endlose Ebene des Etosha Nationalparks. Ein paar Zebras, am Horizont die in einer halben Stunde untergehende Sonne und 150 Meter entfernt nach rechts, 5 Löwen, die sich noch in den Büschen verstecken.

Wir sind ziemlich weit im Westen von Etosha, im Olifantsrus Camp, dem mit weitem Abstand schönsten und kleinsten Zeltplatz des Nationalparks. Der sandige Boden rostrot wie im australischen Outback und Dazu ein überaus freundlicher Verwalter. Wie auch die 3 anderen Camping Plätze im Park ist auch dieser sicherheitshalber umzäunt … siehe Löwen im ersten Absatz. Und frei campen ist aber mal so was von verboten … siehe Löwen …

Nur einzelne Schakale streunen durch die Camps. Im Dutzend sind sie offensichtlich in der Lage Springböcke zu reißen. So konnten wir gestern an einem Wasserloch aus der Nähe das wilde, hektische Fressen von Schakalen beobachten, die einen frisch gerissenen Springbocks verspeisen. Die Fotos dazu sind mit „blutrünstig“ am ehesten zu beschreiben.

Ansonsten haben diese Tiere eine gewisse Vorliebe für Beates Badelatschen. Zumindest wurden diese, nachdem sie die letzte Nacht vor unserem Camper haben verbringen dürfen, diversen Beißtests unterzogen. Zum Glück hat Beate noch mehr Schuhe dabei.

Den Nationalpark, der gut 4x so groß ist wie Berlin, durchqueren wir von Ost nach West. Hier zieht sich die breit angelegte Hauptschotterpiste entlang, über die auch Reisebusse brettern können. Jeweils nördlich und südlich davon liegen rund 50 Wasserlöcher im ganzen Park verteilt. Die Wege dorthin sind von wenigen hundert Metern bis zu 15 Km unterschiedlich lang. Bei so manchen fühlt es sich so an, als würde man über ein Waschbrett fahren.

In einem Reiseführer hatte ich gelesen, dass die ganzen geführten Touren einfach nur das eine oder andere Wasserloch anfahren. Ob und welche Tiere da sind, sei ziemliche Glückssache. Wir hatten Glück. Gleich am zweiten Tag. Riesenglück! Rund 100 Zebras, 30 Elefanten, 9 Giraffen und unzählige Antilopen und Springböcke auf einem Haufen. Vielleicht das magischste, was ich jemals habe sehen dürfen. Na ja, außer dem Sternenhimmel über der indischen Wüste Thar. Das war es dann aber auch schon.

Wir hatten aber auch erheblich weniger Glück. An einigen Wasserlöchern war zum Teil noch nicht einmal mehr Wasser. Aber Glück und zuweilen etwas Geduld gehören einfach dazu.

Der obere, nördliche Teil des Nationalparks ist der „Große weiße Platz“, was Etosha wörtlich bedeutet. Eine schier endlos flache, hell gleißende Salzpfanne, die Beate als die Abwesenheit von Allem beschrieben hat. Die Anwesenheit von zu vielen Touristen bzw der „Große touristische Platz“ ist hingegen unser gestriges drittes Camp gewesen, das Okaukuejo.

Ok, wir sind natürlich ein Teil dieser Touristenherde. Es fühlt sich halt einfach völlig anders an, ob man einen Ort alleine erkundet, oder ob da der eine oder andere Bus noch vorfährt. Wobei ich nicht wirklich motzen möchte. Heute steht die 5. Nacht in Etoasha an und uns sind genau 3 Busse entgegen gekommen. Alle gestern, am 2. Juni. Und die Wasserlöcher haben wir uns mit maximal 2 weiteren Autos geteilt.

Die Tage hier verlaufen realtiv ähnlich und sind doch jeder für sich absolut faszinierend: Aufstehen kurz vor Sonnenaufgang. Dann alles anziehen, was halbwegs warm hält, denn die Nächte sind schlichtweg frisch. Zu Fuß zum Wasserloch neben dem Camp. Sonnenaufgang mit seinem fließenden Farbenspiel bestaunen und die ersten Tiere des Tages begrüßen. Wobei wir heute mit einem Löwen einen königlichen Auftakt in den Tag hatten. Frühstück. Alles zusammenpacken. Und losfahren zu diversen weiteren Wasserlöchern. Am Nachmittag den nächsten Campingplatz ansteuern. Aufbauen. Duschen. Verzweifelt versuchen ins Internet zu kommen. Was wesentlich mehr Geduld erfordert, als Tiere zu beobachten. Abendessen. Kudu und Oryx Fleisch mit Bohnen etablieren sich als unsere Favoriten. Alles anziehen, was halbwegs warm hält. Ans Wasserloch des Camps, das beleuchtet ist. Und schließlich gegen 21 Uhr todmüde und versuchend die viel zu vielen Eindrücke zu verabreiten ins Bett fallen.

Ein wesentlicher und etwas überraschender Eindruck: diese unglaubliche Stille, selbst wenn 100 Tiere auf einem Haufen sind. Es ist Tag und Nacht so still wie die Luft klar und endlos weit wie das Land. Tiere, die aus Afrika frisch in Zoos landen, müssen wohl so etwas wie einen Lärmkollaps erleiden.

Mittlerweile steht der Vollmond über dem wie immer wolkenfreien und sternenklaren Himmel. Es wird kalt. Nur halb im Scherz dachten wir schon daran, das nächste Mal Skiunterwäsche mitzunehmen. Nachts bewegen sich die Temperaturen tatsächlich rund um den Gefrierpunkt. Am Wasserloch trinkt ein einzelnes Nashorn. Wir schlürfen kühlen Weißwein. Die Löwen jagen wohl jetzt Zebras. Und wir genießen das Privileg, all dies erleben zu dürfen.

 

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