Die wahren Künstler der Kunsthölle

Die wahren Künstler der Kunsthölle

Die Art, wie hier eine anti-konventionelle Floralwahl als Pfropf fungiert, um bürgerliche Wahrnehmungsgewohnheiten radikal zu dekonstruieren, lässt sich wohl am besten jenseits normativ interpretativer Deutungsraster im Sinn einer seriellen Ästhetik auflösen…

So oder ähnlich sinnlos hätte ich gerne mehrere Kunstwerke wie das heutige Titelbild für euch besprochen. Doch tatsächlich bin ich – und auch Beate – überfordert. Gnadenlos überfordert. Warum? Gestattet mir, an dieser Stelle ein wenig auszuholen:

In Ermangelung jeglicher Altfranzösischkenntnisse sagt mir der Begriff „Hermitage“ nix. Beate weiß auch nix. Da hilft google. „Hermitage“ bedeutet „Einsiedelei“. Daraus wurde dann Eremitage. Hierhin zogen sich die Zaren vom politischen Alltag zurück, um sich nur mit Kunst und Muse zu umgeben. Kunst & Kontemplation. Aus Hermitage entwickelte sich die Eremitage, eines der bedeutensten Kunstmuseen der Welt.

Nun werden bedeutende Kunstmuseen immer wieder ganz gerne in Reiseführern erwähnt. „Wenn Sie nur einen Tag Zeit haben, müssen Sie unbedingt das Soundso Dingenskirchen Museum besuchen!“ Was zwangsläufig dazu führt, dass Touristen diese Museen gerne mal aufsuchen. Gerne auch mal sehr viele Touristen. Das mit der Einsiedelei hat sich dann also erledigt, sofern man nicht gerade als Zar unterwegs ist.

Vorab haben wir ein 20 Euro Online-Ticket gekauft, die uns die Schlange vor den Kartenhäuschen der Eremitage erspart. Skip-the-Line-Ticket, wie es auf gut russisch heißt. Einfach mal an den Tourifluten vorbei gehen und alle freundlich grüßen. Sehr hübsch. Kommt gut an. Zumal die zwei Schlangen beide über 100 m lang sind.

Beschäftigung für 41,67 Tage

Tja, in unserem Fall beinhaltet das Ticket sogar einen separaten Eingang. Einen separaten Eingang zu mehr als 350 Sälen (Säle! Nicht Räume) mit über 60.000 Exponaten! Herzlich Willkommen in der Kunsthölle. Denn würde der geneigte Besucher sich auch nur eine einzige Minute pro Exponat Zeit nehmen, wäre er … Moment bitte … genau 41,67 Tage 24/7 beschäftigt.

Im Guinness Buch der Rekorde finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass dies schon mal jemand versucht hätte. Wer also unbedingt im Guinness Buch Erwähnung finden möchte … Man muss ja Ziele im Leben haben.

Zu den 60.000 Exponaten kommen dann noch die gut 3 Millionen Objekte, die im Archiv vor sich hinschlummern. Das wären dann rund 5 ½ Jahre. Warum nur so eine Riesensammlung? Katharina die Große hatte 1764 damit begonnen, um laut Wikipedia „die Aufgeklärtheit und den hohen kulturellen Stand Russlands und Sankt Petersburgs gegenüber dem westlichen Europa hervorzuheben.“

Sie wollte also ein kleines bisschen angeben. Ich nehme an, dies stellt die Grundlage einer jeglichen Kunstsammlung dar. Und die Grundlage ist bekanntlich das Fundament einer jeglichen Basis. Wie auch immer, auf eine gewisse Art gibt jeder früher oder später ein bisschen an. Und sei es mit dem Understatement, es nicht nötig zu haben, angeben zu müssen. Gönnen wir Katharina ihre große Sammlung also.

Angesichts dieser enormen Kunstfülle geht der erfahrenen Weltenbummler natürlich zielgerichtet vor. Zum Glück weisen einen diverse Reiseführer auf die Highlights hin. Picasso, Rubens, Rembrandt und so. Was dann allerdings auch die anderen Touris lesen und sehen wollen. Womit sich das Thema Einsiedelei dann erneut erledigt hat.

Bulldozer

Über 14 Millionen Besucher zählt die Eremitage pro Jahr. Die meisten davon kommen im Sommer. Also jetzt. Beate meint sogar, alle 14 Millionen wären just heute da. Sie schieben sich wie Bulldozer gnadenlos durch die Gänge. Wer sich einen kurzen Eindruck davon verschaffen möchte: Hier gibt’s ein kurzes Filmchen

Das ist natürlich nix für Jammerlappen und hey, wir sind hier schließlich in Putin-Land. Hier gurgelt man(n) mit Wodka zum Frühstück und erlegt danach mit bloßen Händen und mit freiem Oberkörper einen Bären.

Nahkampfmodus ist also angesagt – wie früher das Gerangel im Strafraum bei einem Eckball. Ellebogen blitzartig ausfahren … ein paar Nettigkeiten austauschen … mit zwei bis drei schnellen Schritten sich in die Laufbahn des Gegners schlängeln … Wertvolle Erfahrungen. Beate ist eindeutig im Nachteil. Sie war früher im Chor. Das ist schön, hilft hier aber nicht weiter. Ihr fehlen einfach ein paar tausend Eckbälle.

Egal, sie ist ja zum Glück keine dieser „Oh mein Gott nein. Das will ich nicht. Das könnte ja jetzt ein kleines bisschen unangenehm werden“ Mädchen. Also stürzen wir uns ins Getümmel. Aus irgend einem mir nicht nachvollziehbaren Grund möchte sie aber nicht, dass ich das putinmässig mit freiem Oberkörper mache.

Werden Schlümpfe blau, wenn man sie würgt?

Für den Besuch der Eremitage benötigt man also eine gewisse Grundaggression. Aus dieser Aggression werden dann auch schnell mal Mordgedanken. Beate möchte ihre an dieser Stelle nicht näher erwähnt wissen. Und meine? Eine Tourigruppe trägt uniformmässig hellblaue Jacken und weiße Baseballkappen. Eine Horde Schlümpfe. Welche Farbe nehmen Schlümpfe eigentlich an, wenn man sie würgt?Sowas in der Art halt.

In einem der endlos langen Flure, deren Wände Bilder von zig Meistern schmücken, hallt es wider vom Schreien und Grölen der Besucher. Dazwischen hüpfen kreischend Kinder herum. Hauptsache laut! Da fallen sie mir das erste Mal auf:

In den Fluren und Saalecken hocken zumeist betagte Aufseherinnen mit scheinbar ausdruckslosen Gesichtern. Eher negativ eingestellte Menschen würden dies wohl als resignierten Fatalismus deuten.

Doch wer genauer hinsieht, entdeckt in ihren Körperhaltungen und den Augen eher etwas wie stoische Gelassenheit. Ich frage sie hier und da nach dem Weg. Über die scheinbar ausdruckslosen Gesichter huscht ein sanftes Lächeln. Sie antworten mit freundlicher Ruhe. Bewundernswert! Zumal unsere Synapsen angesichts der Kunst- und Menschenmassen schlichtweg im Arsch sind (der aufmerksame Leser bemerkt an dieser Stelle eine Variation des floranalen Titelbildes).

Kurz gesagt: Vielleicht sind die Aufseherinnen die wahren Künstler in der Eremitage.

3 Replies to “Die wahren Künstler der Kunsthölle”

  1. Selbstverständlich sind mir die Segnungen des Chorsingens durchaus bekannt. Nach 18 Jahren mit Beate würde ich das niemals unterschätzen. Deshalb lautete meine Formulierung im Artikel auch „Das ist schön, hilft hier aber nicht weiter“ – mit einer nicht zu unterschätzenden Betonung auf das Wort „hier“ :-)

  2. So. Jetzt muss ich noch eine Lanze für den Chorgesang brechen. Natürlich hab ich nicht alle Details des GEO-Artikels mehr im Gedächtnis parat, aber Singen ist ja so gesund, für Geist und Körper, so gesund kann Fußball gar nicht sein. Vor allem wenn ich mir die nicht mehr vorhandenen Gelenke meines Schwiegervaters, der Zeit seines Lebens gekickt hat, angucke. Und die Fähigkeiten, die du offensichtlich beim Eckball erworben hast, hat die gewöhnliche Hausfrau nach zwei Aldi-Streifzügen am Tag des Kinderkleidersonderangebots auch drauf…. Hach. Das hat mich tief getroffen. „Chor ist zwar schön, nützt aber nichts“. Pah.

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