Im Höllenloch – Auf Fabis Spuren

Im Höllenloch – Auf Fabis Spuren

Man will ja was zu erzählen haben: Fabi zum Beispiel, ein Kollege von Beate, war vor zwei Jahren hier in Tallinn und erzählte von einem leerstehenden, ziemlich gruseligen Gefängnis namens Patarei.

Das Gefängnis sei zwar verschlossen, aber man käme durch ein Eisentor gut hinein. Tatsächlich weißt auch der Reiseführer darauf hin, dass man sich ganz legal dort umsehen könne. Per WhatsApp schickte Fabi mir gestern sogar ein Bild, wo der Eingang zu finden sei. Und innen drin wäre es wirklich gruselig, durch die verlassenen Räume zu gehen. Und verlaufen habe er sich damals auch.

Das Gefängnis Patarei mit Fabis Hinweis, wo der Eingang zu finden sei.

Die Geschichte der vier Hektar großen Trutzburg ist noch düster als Fabis Erzählungen: Als Festung erbaut in der Zeit, als Estland zu Russland gehörte, wurde Patarei in den Jahren des estnischen Unabhängigkeitskrieges von 1918 bis 1920 zum ersten Mal als Gefängnis genutzt. Ab 1941 war es für 4 Jahre Arbeits- und KZ-Lager der Nazis, danach Sowjet-Gefängnis und nach Loslösung des Landes von der Sowjetunion 1991 noch elf Jahre estnische Haftanstalt.

In Sowjetzeiten waren zeitweilig 5.000 Menschen auf dem Gelände untergebracht. Sie wurden für Wochen oder Monate in Zellen ohne Tageslicht eingekerkert. Die meisten von ihnen verschwanden dann in sibirischen Gulags. In einer 16-Mann-Zelle hausten bis zu 40 Gefangene.

Wie viele Menschen im Gefängnis Patarei ums Leben kamen, weiß niemand so genau. Fest steht: Von 878 aus Frankreich während des zweiten Weltkriegs deportierten Juden überlebten nur 22 das Höllenloch, wie es die Einheimischen hier in Tallinn nennen.

Trotz oder vielleicht sogar wegen all diesen Grauens klang ein Besuch des Patarei nach guten Idee. Denn Tallinn selber, genauer die Altstadt, ist zwar wunderhübsch, aufgeräumt, sauber und übersichtlich, doch im Grunde so etwas wie eine Mischung aus Tübingen und Rothenburg – nur mit Möwen.

Außerdem wird die Altstadt ein wenig auf Mittelalter getrimmt. Das macht aus Marketing-Gesichtspunkten durchaus Sinn. Doch das Mittelalter geht sowohl Beate als auch mir nicht nur am Allerwertesten, sondern an allen Körperteilen vorbei.

Den 30-minütigen Weg nach Patarei legen wir am Vormittag von unserem Hotel aus bei strahlendem Sonnenschein zu Fuß zurück.

Sicherheitskräfte, überall Sicherheitskräfte

Auf halber Strecke begegnen sie uns dann das erste Mal. Sicherheitskräfte, im klassischen Look, wie im Comic. Fette schwarze Karren, schwarze Anzüge, schwarze Krawatten, weiße Hemden, Sonnenbrillen. Dazu ist die eine oder andere Straße gesperrt. Wir spekulieren, was wohl los sein mag.

Egal, weiter Richtung Patarei. Kurz bevor ich den von Fabi eingezeichneten Weg einschlage, setzt sich Beate die Sonne genießend auf eine Parkbank und will auf mich warten. Ich finde das von Fabi beschriebenen große Eisentor schnell. Leider stehen zwei Sicherheitskräfte davor, die mich nicht rein lassen.

Gleich neben dem vermeintlichen Eingang beginnt eine große Baustelle. Der hintere linke Teil des Gefängnisses wird abgerissen sowie das Gebäude davor. Weil ich keine Lust habe so schnell aufzugeben, warte ich den Moment ab, in dem die Sicherheitskräfte weggucken, klettere schnell über den Bauzaun, achte darauf, dass mich kein Bauarbeiter sieht, husche über die Baustelle auf das Gelände des ehemaligen Gefängnisses. Geht doch!

Die meisten Türen im Gebäude im inneren Bereich sind abgeschlossen (s. Titelbild). Doch nach einer Weile finde ich eine offene. In einem Raum liegen unzählige Spritzen und Infusionsschläuche wild durcheinander. An den Wänden bröckelt der Putz und der Schimmel bildet Blumenmuster. Gleich daneben ein Duschraum. Wandfarbe hängt in Fetzen herunter. Zwei Seiten sind noch mit hellgrünen Kacheln überzogen. Schon nach wenigen Augenblicken steht für mich fest: Das ist hier die ideale Kulisse für einen Horrorfilm.

Creepy: Unzählige Spritzen mit Infusionsschläuchen.

Etwas weiter ein bestenfalls 1,5 m breiter Gang mit zahlreichen offenen Zellentüren links und rechts. Ein-Mann-Zellen, in denen man sich kaum ausgestreckt hinlegen konnte ohne Tageslicht. Ich versuche mir auszumalen, wie es hier für einen Gefangenen gewesen sein muss. Die Luft ist feuchtkalt und irgendwie riecht es nicht sonderlich gut. Da höre ich es knirschen. Jemand kommt den Gang entlang. Sch… Noch mehr Touristen auf Gruseltour? Die Seelen der Verstorbenen?

„Hello“ schallt es fragend durch den Gang? Und noch mal „Hello?“ Da es ziemlich sinnlos ist, sich in einer bestenfalls 1,60 m langen, 2 m hohen und völlig kahlen Gefängniszelle verstecken zu wollen, entscheide ich mich, mit einem freundlichen Lächeln den Raum zu verlassen und auf den Gang zu treten.

Was zum Teufel wollen die hier?

Sicherheitskräfte. Zwei Mann. Ich fasse es nicht! Was zum Teufel wollen die hier? Auf jeden Fall bitten sie mich ebenso freundlich wie bestimmt, das Gelände zu verlassen und geleiten mich hinaus. Warum sie hier sind? Das kriege ich nicht aus ihnen heraus. Immerhin, im Gegensatz zu Fabi habe ich mich hier nicht verlaufen.

Nach einer kurzen Weile treffe ich wieder auf Beate. Wir entscheiden uns, ein nahegelegenes Museum über die estnische Seefahrts- und Militärgeschichte zu besuchen. Nachdem wir uns im ersten Teil ausreichend über die große weite Welt der Seebojen informiert fühlen, gelangen wir zum Höhepunkt der Ausstellung: Das WW II U-Boot Lembit mit seinen 600 Tonnen. Wir waren tatsächlich beide noch nie in einem U-Boot und staunen nicht schlecht.

Danach noch etwas auf der Museumsterrasse die Sonne genießen und dann langsam wieder zurück. Von den Sicherheitskräften, die vorher hier überall rumschwirrten, keine Spur mehr.

Wir gehen in eine kleine Seitenstraße, die an einer Außenmauer des Patarei endet. Gleich daneben ein größerer Gedenkstein, der auf die 878 aus Frankreich stammenden Juden erinnert, die hier eingekerkert waren. Und zu Fuße des Gedenksteins zwei frische Kränze. Weiße Rosen mit zwei Schärpen in blau-weiß-rot, der französischen Flagge. Auf einer Schärpe steht in goldenen Lettern „Le Premier ministre de la Republique francaise“.

Ein Griff zum Handy … ein Blick ins Internet … eben hat Edouard Philippe, der neue französische Premierminister hier die beiden Kränze niedergelegt. Deshalb also die ganzen Sicherheitskräfte.

Immerhin, zumindest zwei von ihnen werden heute auch etwas zu erzählen haben. Denn, um Beate zu zitieren, „die haben ganz sicher noch nie so einen alten Sack wie dich aus dem Patarei geschmissen.“ :-)

 

 

 

2 Replies to “Im Höllenloch – Auf Fabis Spuren”

  1. La délégation, composée également de la ministre des Affaires européennes Nathalie Loiseau, du président du groupe d’amitié France-Pays baltes au Sénat Jean-Marie Bockel et de l’eurodéputé spécialiste des questions de défense Arnaud Danjean, participera jeudi avant son départ à une cérémonie à la mémoire des déportés du Convoi 73 du 15 mai 1944.

    Ce convoi avait emmené quelque 900 juifs français dans un camp d’extermination en Lituanie et à la prison Patarei de Tallinn, où M. Philippe se recueillera en compagnie de Henri Zajdenwergier, le dernier survivant.
    Tatsächlich! Und da wollten sie dich einfach nicht dabei haben!

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