Verblüffte Weltenbummler

Verblüffte Weltenbummler

Es wird ein Tag, der auch erfahrene Weltenbummler verblüfft. Die Sonne strahlt am Morgen vom wolkenlosen Himmel im „Miami Estlands“, in Pärnu. Der Strand ist ähnlich breit wie in Florida, meint Beate. Außerdem stehen hier zahlreiche farbige Holzhäuser. Wären so manche von ihnen nicht etwas runtergekommen und sogar völlig leerstehend, wäre Pärnu Miami wohl eher eine Art Bullerbü in der extended version.

Den Strand hatten wir bereits am gestrigen Freitag bei wechselhaftem Wetter ausgiebig genossen. Die Nacht von Samstag verbringen wir auf einem öffentlichen Parkplatz gleich an den Dünen. Der Sound von Wind und Wellen soll uns in den Schlaf begleiten.

Gelassene Silver Surfer

Ein paar Surfer-Jungs übernachten auch auf dem Parkplatz. Ihnen steht der Sinn nach einem anderen Sound. Techno-Mucke begleitet uns bis 4 Uhr in der Früh. Als Silver-Surfer entscheiden wir uns dafür, dies gelassen zu ertragen. Gönnen wir es ihnen. Außerdem sind die Surfer-Jungs in der Überzahl und sicherlich etwas fitter als wir.

Einfach abhaken. Zumal uns das Wetter am Morgen in Begeisterung versetzt. Bereits um 10 Uhr zeigt das Thermometer satte 18 Grad an. Jedes Grad mehr ist Urlaubstemperaturrekord in diesem Jahr. Tatsächlich schießt das Quecksilber später noch auf sagenhafte 24 Grad hoch. Ein idealer Tag also, um ausgiebig das Meer zu genießen.

Oder um ausgiebig über etwa 375 km am Meer entlang zu fahren. Denn das ist der Plan für heute: Von Pärnu runter nach Lettland, über Riga dann bis an die Kurländische Küste, die laut der offiziellen Tourismusseite Lettlands „die Liebhaber der unberührten Natur bezaubert.“ Natürlich ist das Marketing-Blabla, klingt aber dennoch gut. Also machen wir uns auf unsere bisher längste Etappe.

Jenseits des Asphalts: Bisher haben wir bereits mehr Schotterpisten u.ä. befahren, als im letzten Jahr in Australien.

Um 11 Uhr überqueren wir dann die Grenze nach Lettland. Nach etwa 100 m empfängt uns ein großer Supermarkt namens „SuPer Alk%“. Der Laden hält, was sein Name verspricht. Hoch- und Höchstprozentiges stapelt sich wie in einem Baumarkt bis unter die Decke. Dazu gibt es noch jeweils ein Regal mit einem breiten Sortiment an Chips sowie eins mit einem ebenso breiten Sortiment an Zigaretten. Alles was der Mensch so braucht unter einem Dach. Später fahren wir dann noch an einem Geschäft mit dem Namen „Alk Outlet“ vorbei.

Möglicherweise liegt es an diesem Überangebot an Hochprozentigem, denn nach einigen Kilometern stellen wir fest, dass es im lettischen Straßenverkehr doch etwas wilder und testosterongesteuerter zugeht. Aber es gibt Deeskalationsmaßnahmen. Auf der Herrentoilette einer Raststätte schmückt eine riesige Fototapete die Seite mit den Pissoiren. Ein riesiges Lämmlein schaut mit großen, arglosen Augen den im Stehen Urinierenden an. Ungewöhnlich, aber es senkt den Testosteronspiegel ungemein.

Schnappatmung bei Beate

Zumindest kurzfristig. Denn rund um und in Riga gleicht sich das Fahrverhalten doch etwas dem von indischen oder afrikanischen Großstädten an. Verkehrsregeln werden also eher als eine von vielen Handlungsoptionen aufgefasst. Beate hat, wie sie selber sagt „Schnappatmung“.

Also den Verkehr genauestens beobachten und cool bleiben. So cool, dass wir selbst auf einer dreispurigen Autobahn nur insgesamt drei Verkehrsteilnehmer überholen. Zunächst im Abstand von mehreren Kilometern zwei Radfahrer (!!!), die dankenswerter Weise immerhin die rechte und nicht etwa die mittlere oder gar linke Fahrspur nutzen.

Etwas später überholen wir dann noch einen Fußgänger. Ein älterer Herr, der einen kleinen Mittagsspaziergang auf dem Grünstreifen, der die beiden dreispurigen Fahrrichtungen trennt, unternimmt. Wir rätseln, wie er da hinkam und was er da möchte. Vielleicht ist er selbstmordgefährdet.

So schätzt Beate auch den ersten Storch ein, der später ungerührt direkt neben der Straße steht. Doch dann stellen wir fest, dass die Viecher einfach nur cool sind. Denn wir sehen dutzende. Manchmal in Nestern hockend. Manchmal fliegend. Manchmal am Straßenrad. Auf einem Feld, das gerade von drei Traktoren frisch gemäht wird, erblicken wir sogar rund zweidutzend Störche auf einmal, die auf Futter lauern! Wir sind auf Störche-Safari.

Leerer Strand … ein paar Km nach links und rechts. Fehlt nur noch etwas Sonne.

Gegen 17:30 erreichen wir dann endlich unser Ziel. Ein abgelegener Campingplatz namens Mikelbaka. „Hier kannst du kilometerweit entlang der Meeresküste spazieren gehen und keiner Menschenseele begegnen“ heißt es auf der offiziellen Tourismusseite Lettlands. Ein Check und wir stellen fest, dass dies keine Übertreibung zu sein scheint. Auch das verblüfft.

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