Geschmeidig bleiben

Geschmeidig bleiben

Ich bin ja u.a. ein staatlich geprüfter Philosoph, also tatsächlich jetzt, kein Witz. Natürlich war da während des Studiums auch so manche Synapsenwichserei bei. Dennoch, es hilft zuweilen sich ein wenig in die antiken Klassiker zu vertiefen.

So habe ich zum Beispiel bei Sokrates gelernt, dass man nie aufhö­ren sollte, Fragen zu stellen – und dass es nicht immer darauf ankommt, definitive Antworten zu finden, sondern den Weg dorthin zu beschreiten.

Dementsprechend habe ich mir also in den Vorbereitungen dieser Reise die Frage gestellt, wie hoch wohl das Risiko eines Erdbebens auf Sulawesi sei. Im Grunde ist es so ähnlich wie bei einer Reise nach San Francisco. Es hat dort schon eine ganze Weile nicht mehr richtig gekracht. Aber die Erde wird ganz sicher irgendwann wieder mal übelst beben. Und je länger es kein Beben mehr gegeben hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass bald eins kommt. Es gab folglich in diesem Fall keine definitive Antwort für eine Risikoabschätzung für Sulawesi und die Togians. Also machten wir uns auf den Weg.

Aristote­les brachte mir bei, wie wichtig es ist, sich selbst ein Freund zu sein – und dass dies eine gute Basis für die Be­ziehungen zu anderen ist.

Etwas anders formuliert: Wer nicht halbwegs mit sich selber klar kommt, kann nicht erwarten, dass andere mit ihm klar kommen. Gerade in etwas schwierigeren und unübersichtliches Situationen wie jetzt nach dem Beben in Palu ist dies hilfreich. So ganz genau wissen Beate und ich noch nicht, wie es im Laufe der nächsten Tage weiter geht. Uns fehlen einige Informationen rund um diese schreckliche Situation, um gute Entscheidungen zu treffen. Das wird sich ändern, aber bis dahin müssen wir mit einer gewissen Unsicherheit leben. Das kann Beziehungen auf die Probe stellen. Wahrscheinlich umso mehr im Urlaub, wo die Erwartungshaltung noch höher sein kann als sonst. Von Ängsten getriebene Gemüter neigen da wohl dann schnell mal zu Panikentscheidungen. Doch letztlich kommt jeder von uns mit sich selber genügend gut klar, um gemeinsam mit den Unwägbarkeiten relativ entspannt umzugehen.

Von Epikur habe ich erfahren, wie bedeut­sam es ist, zu akzeptieren, dass das Leben nun wirklich nicht nur aus Vergnügen be­steht, und man trotzdem Freude haben kann und sollte. Einer der beiden hiesigen Tauchguides hatte am Sonntag noch nichts von seiner Mutter und seiner Schwester aus Palu gehört. Auf Fotos erkannte er die Stelle, wo einst ihre Häuser standen. Halb wahnsinnig vor Schmerz und Kummer ist er nach Palu aufgebrochen. Ihm wird Epikers Spruch im Moment sicher kaum weiterhelfen. Möglicherweise wird er ihn sogar als extrem zynisch empfinden. Wir hoffen, dass er und alle anderen vom Erdbeben Betroffenen zumindest irgendwann wieder Freude finden.

Im Gegensatz zu den bisher ungezählten tragischen Schicksalen rund um Palu, geht es uns hier extrem gut. Wobei das vergleichsweise auch sehr sehr sehr einfach ist. Unser hübsches Bungalow mit Ausblick auf Sonnenuntergänge im Meer steht nach wie vor. Die Hängematte auf der Veranda teilen wir uns im Schichtdienst. Im Laufe des Tages schnorcheln oder tauchen wir ein wenig. Uns fällt es also vergleichsweise extrem leicht, das Beste daraus zu machen. Am morgigen Donnerstag (4.10.) holt uns ein Boot von den Togians Richtung Ampana ab. Dort gibt’s Wlan und Telefonnetz. Dann sehen wir weiter.

Ein Schweizer namens Alex, der mit seiner Lebensgefährtin Alina auf Weltreise ist und mit uns hier die letzten Tage verbracht hat, meinte gerade angesichts unserer vergleichsweise äußerst entspannten Lage in diesem wunderbaren, schweizer Akzent: „Immer schön geschmeidig bleiben.“ Recht hat er.

Ich werde Alex in meine Philosophenliste mit aufnehmen.

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