Verstörend

Verstörend

Der Kenner mag das Ganze mit wohlwollendem Interesse verfolgen. Bei uns hingegen lässt sich ein gewisses Maß an Verstörung nicht leugnen. Eine Orgie aus Pastelltönen umgibt uns. Neben dem Eingang hockt ein großer Teddybär. Eine als Dienstmädchen verkleidete Japanerin tanzt, hüpft, rudert wild mit den Armen und  schmettert auf einer kleinen Bühne diverse Schlager oder Hits. Ihre quietschende Phonetik peitscht durch jede unserer Körperzellen und lässt den Jetlag vergessen.

An einer kleinen Bar hocken drei Jungs mit aufgesetzten Playboyhasen-Ohren und das gemischte Publikum an den rund ein Dutzend Tischen klatscht und singt begeistert mit. Zwischen den Tischen huschen weitere Dienstmädchen und bringen Getränke. Wir genießen das vermeintliche Privileg, im Maidreamin einem fleischgewordene Anime-Konzert in einem kleinen Café beiwohnen zu dürfen. Wir sind uns einig, dass in solchen Momenten Alkohol hilft und bestellen uns jeweils ein Bier.

Dabei fängt alles ganz easy heute an: Ankunft gegen 10 Uhr am Flughafen in Tokio-Narita, etwas über 30 Grad schon vor Mittag (laut Wetter-App gefühlt 42 Grad), genügend Luftfeuchtigkeit, damit die Lungen garantiert nicht austrocknen, alle Formalien problemlos erledigt und dezent übermüdet eine Stunde mit dem Zug in den Stadtteil Shibuya gefahren, in dem unser Hotel liegt. Übrigens nur 20 Meter entfernt von einem Restaurant, das auch Kugelfisch anbietet, aber der steht heute nicht auf dem Programm. Dann erst einmal Siesta in unserem Zimmer, das genau ausreichend Platz für unser 1,40 Meter-Bett sowie unsere Reisetaschen bietet.

Danach geht’s auf einen kleinen Erkundungstrip, zunächst durch Shibuya mit seiner Kreuzung, die bis zu 15.000 Fußgänger während der einmütigen Grünphase gleichzeitig überqueren (https://youtu.be/0VkejRjA1nA). Danach dann in den Stadtteil Akihabara, berühmt für seine Manga- und Anime-Läden. Wobei der Begriff „Läden“ nur sehr unzureichend beschreibt, wie viel da rund um die Comics tatsächlich abgeht. Viele deutsche Innenstädte sind kleiner als die hiesige Manga- und Anime-Shoppingmeile.

Und in der landen wir dann schließlich auch im Maidreamin. Leider ist das Fotografieren in dem Café verboten, was wir jedoch eher als Herausforderung betrachten :-). Zu einer kleinen Herausforderung entwickelt sich anschließend auch für mich das Abendessen in einem Restaurant, mit einem für uns ungewohnten Bestellsystem. An einem Automaten außerhalb des Restaurants mit Abbildungen von Speisen und Getränken müssen ebendiese per Knopfdruck gewählt und auch vor Betreten der Räumlichkeiten am Automaten bezahlt werden.

Erst dann öffnet sich die Türe und wir erhalten Plätze zugewiesen. Allerdings entwickelt sich das Abendessen zumindest für mich etwas anders, als gedacht. Zum einen, weil ich mir versehentlich gleich zwei Portionen bestelle. Zum anderen, weil sich das Getränk, dass auf der Karte wie eine ganz spannende Limonade aussieht, sich als ein 0,3 Liter Whiskey-Soda-Gemisch herausstellt.

Nach dem Essen machen wir uns wieder Richtung Hotel. Ein Taifun namens Faxai ist noch für diese erste Nacht in Tokio vorhergesagt. Es dürfte also spannend bleiben.

 

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