Schockverliebt

Schockverliebt

Nach dem modernen, hippen Hauptstadt-Japan und dem etwas angestaubten Fuji-Japan ging es heute Richtung Kyoto. Ehemalige Kaiserstadt, Hauptstadt und Partnerstadt von Köln. 

Doch zuerst musste die Anreise gemeistert werden. Was soll ich sagen – keinerlei Probleme. Das Hotel shuttelte uns zum Bahnhof, Jörg kauft die Busfahrkarten nach Mishimi – wir finden dort ohne Verwirrung den Shinkansen-Bahnhof.  Beate besorgt wie empfohlen eine Mini-Bentobox und ausreichend Verpflegung für 119 Minuten Zugfahrt für 390 km. 

Der Zug ist selbstverständlich pünktlich. Wir finden auch Platz – die nicht reservierten Plätze sind immer in bestimmten Wagen zu finden. Die Wagen halten da – wo ihre Zahl am Bahnsteig angeschrieben steht – und die Sitzplätze sind immer in Fahrrichtung. Alle. So kriegt man auch einen Herrn Schmitz zur Lobeshymne des ÖPNV. 

Doch schockverliebt bin ich aus anderen Gründen. Die Stadt empfängt uns mit Gewusel – doch alles ist übersichtlich. Wir checken in unserer kapselartigen Herberge ein. Auf Deutsch. Nett. 

Das mit dem Gepäck ist nicht so kompliziert wie gedacht. Wir haben eine üppige Schlafkoje – Gepäck ist unter der Koje. Eine Box zum Abschließen ist am Kopfende. Alles cool. 

Ja und dann marschieren wir los – das Gion Viertel, das Geisha-Viertel, als grobes Ziel. Die Stadt ist freundlich – das Klima heute mal angenehm. Wir entdecken den Nishik Markt – eine Art überdachtes Einkaufsviertel mit vielen kleinen netten Geschäften. Und auf einmal stehen wir mitten in unserem ersten Tempel. Die Touristendichte lässt darauf schließen, dass hier Sehenswürdiges zu finden ist. In den Seitengasse der Hauptstraße – wo sich Ramschläden mit großen Marken wie Louis Vuitton und Apple abwechseln – sehen wir die ersten traditionellen Holzhäuser.  

Genau so hab ich mir das alte Japan vorgestellt. Im Straßenbild sehen wir die ersten jungen Paare die sich chic gemacht haben und Kimono tragen. Je weiter wir in das im alten Stil, aus niedrigen zweistöckigen Holzhäusern gebaute Viertel vordringen, desto häufiger werden sie fotografiert. Ob die Mädels in den bunten Gewändern das nur für sich machen – oder vom Fremdenverkehrsamt finanziert sind – ist egal. Es finden sich immer Fotografen, wenn sie sich malerisch in eine enge Gasse stellen – auch Jörg ist gerne auf Schnappschussjagd. 

Als es langsam dämmert geht die Straße über in eine Tempelanlage. Man sieht das vor allem am Torii. Eines dieser schönen, meist roten Tore, die es sogar zum Emoji gebracht haben. ⛩️

Ansonsten wirkt alles eher wie der Eingang zu einem Vergnügungspark. Es gibt jede Menge Essensstände, Gegrilltes wechselt sich mit buntem Süßkram und den unvermeidlichen Getränkeautomaten ab. Aber dann stehen wir auf einmal vor dem Yasaka Gebäude mit Lampions und Schreinen in rot und orange. Zwischen den betenden Einheimischen, fotografiert sich die kimonogewandete Jugend, und der Normal-Tourist findet da auch seinen Platz. Alles passt zusammen, nichts stört. Insgesamt eine ruhige und fröhliche Stimmung. 

Jörg und ich haben uns die Tage schon mehrfach unterhalten, ob wir Japan schon so richtig begreifen können. Bisher hatten wir das Gefühl noch nicht ganz angekommen zu sein. Noch nicht ganz das Gefühl zu haben wirklich „da zu sein“. 

Ich glaube dem Angekommensein – sind wir heute ein gutes Stück näher gekommen. Schockverliebt – in die kleinen winkeligen Gassen hier – hilft da. 

 

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