Zen oder die Kunst sich die Augenlider abzuschneiden

Zen oder die Kunst sich die Augenlider abzuschneiden

Kein Reiseführer kommt ohne die Bemerkung aus, dass Zen, ein Ableger des Buddhismus, den japanischen Alltag durchdrungen habe. Zen ist eng verbunden mit ästhetischen Prozeduren: Teezeremonie, Blumenstecken, Schwertkunst, Bogenschießen, Gartenpflege, Tuschmalerei und vielerlei Alltagstätigkeiten. Mit denen will sich der Laie der Erleuchtung nähern. Und wenn es so etwas wie eine Hauptstadt des Zens gibt, dann ist es der Ort, an dem wir gerade sind: Kyoto.

Das Buch „Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten“ war einst meine erste Berührung mit Buddhismus allgemein und Zen im speziellen. Damals mit 16, als stolzer Fahrer eines grünes Hercules Mokicks. Das gute Stück war auf 40 km/h beschränkt. Doch wer will schon Beschränkungen? Ein pubertierender Zen-Praktikant sicher nicht.

Das Wort Zen stammt vom indischen Begriff Dhyana, „Zustand meditativer Versenkung“. Man lässt sich mit verschränkten Beinen auf der Erde nieder und wird im wahrsten Sinne des Wortes gedankenlos. Wenn dem Übenden nichts mehr durch den Kopf geht, wird ihm die Aufgabe gestellt, sich auf ein sogenanntes Koan, zu konzentrieren. Eine paradoxe Anekdote, gegen deren Widersinn sich der gesunde Menschenverstand sträubt. Gelingt es, das verstandesmässige Sträuben zu überwinden, so sei der Eintritt in die Erleuchtung gewährleistet.

Beispiel für ein Koan gefällig? Gerne: Wie klingt das Klatschen mit einer Hand? Generationen von Mönchen dürften sich damit schon kontemplativ beschäftigen.

Laut Beate klingt das Klatschen mit einer Hand übrigens wie der Wimpernschlag eines Goldfischs.

Meditatives Rumschrauben

Hand hin, Goldfisch her, möglicherweise angeregt durch die erbauliche Lektüre des oben erwähnten Buches, habe ich damals mehr oder weniger im Zen-Sinn meinen Verstand ausgeschaltet und völlig meditativ an dem Mokick rumgeschraubt, bis es problemlos locker über 80 km/h fuhr. Eine Form von Erleuchtung wurde mir in dem Augenblick zuteil, als ich innerhalb einer geschlossenen Ortschaft souverän eine Zivilstreife überholte, die daraufhin mich überholte und stoppte.

Einwurf von Beate an dieser Stelle: „Hättest du nicht so etwas wie ‚Zen und die Kunst des Fensterputzens‘ oder so lesen können? Dann hätten wir alle was davon!“

Tja, niemand hat je gesagt, dass der Weg zur Erleuchtung ein streifenfreier oder einfacher sei. Falls es doch jemand macht und dafür auch noch Geld verlangt, ist er wahrscheinlich einfach nur ein Erleuchtungs-Blender.

Erleuchtungsträume

Denn, so wird überliefert, schon der Zen-Gründer namens Bodhidharma hatte allergrößte Schwierigkeiten. Sein Problem: Er schlief bei der Meditation immer ein. So blieb das mit der Erleuchtung für ihn nur ein Traum beziehungsweise ein Trauma.

Seine Lösung: Mit einem Messer schnitt er sich die Augenlider ab und warf sie weg. Wie gesagt, ein wesentlicher Faktor auf dem Weg zur Erleuchtung besteht darin, den Verstand … nun ja … zu überwinden. Das erklärt auch folgende Überlieferung: An der Stelle, an der die Augenlieder landeten, soll der erste Teestrauch gewachsen sein, was die Form der Blätter erkläre. Eine willkommene Gelegenheit, an dieser Stelle alle Teetrinker unter unseren Lesern zu Grüßen. Entstand Spargel eigentlich, weil ein Mönch sich mal , aus welchen Gründen auch immer, einen Finger abschnitt?

Wie dem auch sei, ich persönlich ziehe im Vergleich zu den abgeschnittenen Augenliedern die Variante mit dem hochfrisierten Moped vor. Aber das ist natürlich Geschmacksache.

Oh lodernde Flammen …

Eine andere Variante bevorzugte ein japanischer Mönch. Dazu nutzte er den prächtigsten, über 500 Jahre alten Zen-Pavillion in Kyoto, die Goldene Halle. 1950 fackelte der Mönch die Goldene Halle fachmännisch komplett ab. Wollte er dem römischen Kaiser Nero nacheifern, um beim Anblick des Feuers Harfe klimpernd „Oh lodernde Flammen …“ zu singen? Nein, der Mönch zitierte beim Zündeln lauthals eine alte buddhistische Weisheit: „Triffst du Buddha, töte ihn!“

Dieses Zitat bedeutet, dass alle Konzepte, Ideen, Vorstellungen, Wertungen überwunden werden sollten. Tempel, spirituelle Rituale etc. seien nichts weiter als ein Zuckerguss über den Alltag, letztlich ohne Bedeutung oder sogar Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung. Man muss halt Loslassen können. Ist dieser Mönch möglicherweise der einzige, der Zen-Buddhismus wirklich verstanden hat, wie ihm einige Zeitgenossen attestierten? Oder war dies schlicht nur spirituelle Onanie, sein persönlicher Zen-Porn? Nun, das mag jeder für sich selber entscheiden.

Fest steht, der Goldene Pavillion in Kyoto wurde schon kurz nach seiner Zerstörung wieder originalgetreu neu errichtet. Unser Plan: Wir fahren auf einem Moped dahin, schlürfen einen Tee, meditieren und zünden symbolhaft ein Streichholz an. Mal abwarten, was sich dabei zenmässig so ergibt. Aber uns die Augenlieder abschneiden werden wir ganz sicher nicht.

P.S.: Was geschieht, wenn man über 30 Jahre Zen-Buddhismus praktiziert? Das Buch „Die Erfolglosigkeit des Zen“ gibt darüber Auskunft. Wer nicht das ganze Buch sondern nur ein Interview mit dem Autor lesen möchte: https://hpd.de/node/7985?nopaging=1

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