Hiroschima: Schwere Kost

Hiroschima: Schwere Kost

Was war die bisher härteste, gnadenloseste, grausamste Entscheidung, die du in deinem Leben hast treffen müssen?

Dazu ein schwieriges Gedankenexperiment: du bist US-Präsident. Nicht dieser narzisstische Psycho mit einem Haufen Scheiße im Hirn (das ist ja laut LG Berlin keine Beleidigung, sondern eine Meinungsäußerung). Nein, es ist 1945, der Krieg in Europa ist seit wenigen Wochen beendet, aber der im Pazifik gegen Japan fordert auf beiden Seiten einen sehr hohen Blutzoll. Gut 400.000 US-Soldaten sind bereits gefallen, dazu noch fast 2 Mio Japaner. Du hast 2 Möglichkeiten:

  1. Eine Invasion Japans mit Bodentruppen. Bei der verbissenen Zähigkeit der japanischen Truppen wird sich der Krieg sicherlich noch über Monate hinziehen und zigtausende Opfer fordern.
  2. Atombombenabwürfe auf japanische Städte ebenfalls mit zigtausend Opfern aber der Hoffnung, dass der Feind möglichst schnell kapituliert.

Also, welche der beiden Optionen wählst du? Pest oder Cholera?

Bis zum 6. August 1945 war hier ein belebtes Stadtviertel, heute ein Friedenspark.

Diese Frage im moralischen Graubereich habe ich mir als Teenager in den 80ern  gestellt. Vielleicht, weil damals ein Atomkrieg noch ganz oben auf der Hitliste der möglichen Gefahren stand. Oder weil uns mein Geschichtslehrer mal diese Frage stellte.

Ok, die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemals als US-Präsident eine solche Entscheidung treffen müsste war und ist extremst gering. Dennoch, es war ein Gedankenspiel und ich habe mich damals immer wieder für den Atombombenabwurf entschieden. Warum? Hauptsächlich in der Hoffnung, die Opferzahlen geringer zu halten als bei einem langwierigen Bodenkrieg. Das war der emotionale Faktor. Außerdem bahnte sich schon damals ein Machtkonflikt mit den Russen an. Da ist  ein Atombombenabwurf eine deutliche Ansage. Das war der machtpolitische Faktor.

Seit gestern sind wir nun am Ort des ersten Atombombenabwurfes in der Menschheitsgeschichte, in Hiroshima. Die 1,2 Mio Einwohner zählende Stadt wirkt belanglos, austauschbar. Der einzige Grund für einen Besuch hier lässt sich von unserem Hotelfenster aus erblicken: die berühmteste Ruine Hiroshimas gleich angrenzend an den Friedenspark mit seinem Museum und einigen Gedenkstätten. Nur etwa 150 m vom Hotel entfernt kam die A-Bombe tatsächlich runter.

Dieser Ort irritiert mich. Friedenspark – schon dieser Name klingt bemerkenswert harmlos und weichgekocht angesichts des Grauens, den das angegliederte Museum akribisch dokumentiert. Zu besichtigen sind verkohlte Kleidungsstücke, verbrannte Ziegel, geschmolzene Glasflaschen, der Schatten eines Menschen, der vom Atomblitz getroffen auf einer Steintreppe verglühte. Der hatte auf eine gewissen Art wohl noch „Glück“, denn es hängen auch zahlreiche Bilder von den Opfern der Atombombe im Museum. Ihr Anblick ist zumindest für mich nur schwer zu ertragen. Aber ich denke, man muss dem Grauen in die Augen sehen. Weggucken kann jeder.

Die Architektur des Museumsgebäudes irritiert mich, ohne diese Gefühl zunächst richtig fassen zu können. Vielleicht, weil ich mich erst vorgestern beim Besuch des Museums auf der Insel Naoshima von der Architektur habe begeistern lassen.

Entworfen hat das Museum im Friedenspark der Stararchitekt Kenzo Tange (1913 – 2005). Ein wenig Google und ich finde zahlreiche Einträge über ihn ab 1945. Das erscheint mir für jemanden, der da schon in seinen 30ern war seltsam. Schließlich muss er ja auch schon vorher ein Leben gehabt haben. Nach einer Weile finde ich mehr über ihn und die Parkanlage.

Viele Schulklassen besuchen das Museum. Unter anderem an Touchscreens lässt sich die Geschichte der A-Bombe auf Hiroschima nachvollziehen.

Ursprünglich ist sie ein Teil seines Entwurfs für einen gigantischen Shinto-Schrein, den er während des Krieges für die damalige Regierung am Fuß des heiligen Berges Fuji geplant hatte. Als protzige nationalistische Weihestätte sollte sie die „Großostasiatische Wohlstandssphäre“ verherrlichen, die Japan in Asien gewaltsam im Krieg aufgebaut hatte.

Beate und ich sind uns einig: das ist in etwa so, als ob Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer Pläne für eine „Großdeutsche Wohlstandssphäre“ gehabt hätte, die er dann nach dem Krieg für ein Mahnmal etwa für die Opfer der alliierten Luftangriffe oder gar für ein Holocaust-Mahnmal nutzt.

Am Mahnmal für die Atombomben-Opfer, an dem Jahr für Jahr auf Listen die Namen der neu Verstorbenen ergänzt werden, steht auf japanisch in Stein gemeißelt: „Ruht in Frieden, der Fehler soll nicht wiederholt werden.“ Auch hier stutze ich. Welcher Fehler genau und wer hat ihn zu verantworten? Auch diese Formulierung klingt für mich diplomatisch weichgekocht.

Der japanische Begriff für Fehler lautet „Ayamachi“. Auf kleinen Tafeln für ausländische Besucher wird Fehler jedoch unterschiedlich übersetzt: auf Deutsch mit „Katastrophe“, auf Englisch mit „evil“, auf Französisch mit „tragédie“. Lost in translation?

Schulkinder vor Modellen der beiden A-Bomben, die auf Japan abgeworfen wurden.

Vielleicht deuten diese kleinen Irritationen meinerseits auf die schon oft kritisierte Unfähigkeit Japans hin, sich seiner eigenen Kriegsverbrechen zu stellen. Immerhin sind alleine in China wohl mindestens 10 Mio. Menschen Opfer der japanischen Invasoren geworden. Ich fand die aktive Auseinandersetzung mit der Kriegsverantwortung in Deutschland schon immer bemerkenswert. Klar, so etwas geht nur unter Schmerzen und so mancher Möchtegern-Gauleiter mit Scheiße im Hirn bezeichnet das nur als „Vogelschiss der Geschichte“ (das ist keine Beleidigung sondern eine Meinung, s. LG Berlin). Aber wie Japaner tatsächlich darüber empfinden? Darüber können wir nach den wenigen Wochen hier nur spekulieren.

Dabei stellt sich für mich die Frage: würde ich mich heute, nach dem Besuch in Hiroshima wieder für den Atombombenabwurf entscheiden? Ja. Aber ich bin sowas von heilfroh, eine derartige Entscheidung niemals treffen zu müssen!

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