{"id":2362,"date":"2017-06-27T18:30:02","date_gmt":"2017-06-27T16:30:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.all-about-schmitz.de\/wordpress\/?p=2362"},"modified":"2018-09-13T11:52:34","modified_gmt":"2018-09-13T09:52:34","slug":"die-wahren-kuenstler-in-der-kunsthoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.all-about-schmitz.de\/wordpress\/blog\/die-wahren-kuenstler-in-der-kunsthoelle\/","title":{"rendered":"Die wahren K\u00fcnstler der Kunsth\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p>Die Art, wie hier eine anti-konventionelle Floralwahl als Pfropf fungiert, um b\u00fcrgerliche Wahrnehmungsgewohnheiten radikal zu dekonstruieren, l\u00e4sst sich wohl am besten jenseits normativ interpretativer Deutungsraster im Sinn einer seriellen \u00c4sthetik aufl\u00f6sen&#8230;<\/p>\n<p>So oder \u00e4hnlich sinnlos h\u00e4tte ich gerne mehrere Kunstwerke wie das heutige Titelbild f\u00fcr euch besprochen. Doch tats\u00e4chlich bin ich &#8211; und auch Beate &#8211; \u00fcberfordert. Gnadenlos \u00fcberfordert. Warum? Gestattet mir, an dieser Stelle ein wenig auszuholen:<\/p>\n<p>In Ermangelung jeglicher Altfranz\u00f6sischkenntnisse sagt mir der Begriff \u201eHermitage\u201c nix. Beate wei\u00df auch nix. Da hilft google. \u201eHermitage\u201c bedeutet \u201eEinsiedelei\u201c. Daraus wurde dann Eremitage. Hierhin zogen sich die Zaren vom politischen Alltag zur\u00fcck, um sich nur mit Kunst und Muse zu umgeben. Kunst &amp; Kontemplation. Aus Hermitage entwickelte sich die <a href=\"https:\/\/www.hermitagemuseum.org\/wps\/portal\/hermitage\/?lng=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Eremitage<\/a>, eines der bedeutensten Kunstmuseen der Welt.<\/p>\n<p>Nun werden bedeutende Kunstmuseen immer wieder ganz gerne in Reisef\u00fchrern erw\u00e4hnt. \u201eWenn Sie nur einen Tag Zeit haben, m\u00fcssen Sie unbedingt das Soundso Dingenskirchen Museum besuchen!\u201c Was zwangsl\u00e4ufig dazu f\u00fchrt, dass Touristen diese Museen gerne mal aufsuchen. Gerne auch mal sehr viele Touristen. Das mit der Einsiedelei hat sich dann also erledigt, sofern man nicht gerade als Zar unterwegs ist.<\/p>\n<p>Vorab haben wir ein 20 Euro Online-Ticket gekauft, die uns die Schlange vor den Kartenh\u00e4uschen der Eremitage erspart. Skip-the-Line-Ticket, wie es auf gut russisch hei\u00dft. Einfach mal an den Tourifluten vorbei gehen und alle freundlich gr\u00fc\u00dfen. Sehr h\u00fcbsch. Kommt gut an. Zumal die zwei Schlangen beide \u00fcber 100 m lang sind.<\/p>\n<p><strong>Besch\u00e4ftigung f\u00fcr 41,67 Tage<\/strong><\/p>\n<p>Tja, in unserem Fall beinhaltet das Ticket sogar einen separaten Eingang. Einen separaten Eingang zu mehr als 350 S\u00e4len (S\u00e4le! Nicht R\u00e4ume) mit \u00fcber 60.000 Exponaten! Herzlich Willkommen in der Kunsth\u00f6lle. Denn w\u00fcrde der geneigte Besucher sich auch nur eine einzige Minute pro Exponat Zeit nehmen, w\u00e4re er &#8230; Moment bitte &#8230; genau 41,67 Tage 24\/7 besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Im Guinness Buch der Rekorde finden sich keinerlei Hinweise darauf, dass dies schon mal jemand versucht h\u00e4tte. Wer also unbedingt im Guinness Buch Erw\u00e4hnung finden m\u00f6chte &#8230; Man muss ja Ziele im Leben haben.<\/p>\n<p>Zu den 60.000 Exponaten kommen dann noch die gut 3 Millionen Objekte, die im Archiv vor sich hinschlummern. Das w\u00e4ren dann rund 5 \u00bd Jahre. Warum nur so eine Riesensammlung? Katharina die Gro\u00dfe hatte 1764 damit begonnen, um laut Wikipedia \u201edie Aufgekl\u00e4rtheit und den hohen kulturellen Stand Russlands und Sankt Petersburgs gegen\u00fcber dem westlichen Europa hervorzuheben.\u201c<\/p>\n<p>Sie wollte also ein kleines bisschen angeben. Ich nehme an, dies stellt die Grundlage einer jeglichen Kunstsammlung dar. Und die Grundlage ist bekanntlich das Fundament einer jeglichen Basis. Wie auch immer, auf eine gewisse Art gibt jeder fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ein bisschen an. Und sei es mit dem Understatement, es nicht n\u00f6tig zu haben, angeben zu m\u00fcssen. G\u00f6nnen wir Katharina ihre gro\u00dfe Sammlung also.<\/p>\n<p>Angesichts dieser enormen Kunstf\u00fclle geht der erfahrenen Weltenbummler nat\u00fcrlich zielgerichtet vor. Zum Gl\u00fcck weisen einen diverse Reisef\u00fchrer auf die Highlights hin. Picasso, Rubens, Rembrandt und so. Was dann allerdings auch die anderen Touris lesen und sehen wollen. Womit sich das Thema Einsiedelei dann erneut erledigt hat.<\/p>\n<p><strong>Bulldozer<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber 14 Millionen Besucher z\u00e4hlt die Eremitage pro Jahr. Die meisten davon kommen im Sommer. Also jetzt. Beate meint sogar, alle 14 Millionen w\u00e4ren just heute da. Sie schieben sich wie Bulldozer gnadenlos durch die G\u00e4nge. Wer sich einen kurzen Eindruck davon verschaffen m\u00f6chte:\u00a0<a href=\"https:\/\/instagram.com\/p\/BV1qEPMgU5c\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier gibt&#8217;s ein kurzes Filmchen<\/a><\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich nix f\u00fcr Jammerlappen und hey, wir sind hier schlie\u00dflich in Putin-Land. Hier gurgelt man(n) mit Wodka zum Fr\u00fchst\u00fcck und erlegt danach mit blo\u00dfen H\u00e4nden und mit freiem Oberk\u00f6rper einen B\u00e4ren.<\/p>\n<p>Nahkampfmodus ist also angesagt &#8211; wie fr\u00fcher das Gerangel im Strafraum bei einem Eckball. Ellebogen blitzartig ausfahren &#8230; ein paar Nettigkeiten austauschen &#8230; mit zwei bis drei schnellen Schritten sich in die Laufbahn des Gegners schl\u00e4ngeln &#8230; Wertvolle Erfahrungen. Beate ist eindeutig im Nachteil. Sie war fr\u00fcher im Chor. Das ist sch\u00f6n, hilft hier aber nicht weiter. Ihr fehlen einfach ein paar tausend Eckb\u00e4lle.<\/p>\n<p>Egal, sie ist ja zum Gl\u00fcck keine dieser &#8222;Oh mein Gott nein. Das will ich nicht. Das k\u00f6nnte ja jetzt ein kleines bisschen unangenehm werden&#8220; M\u00e4dchen. Also st\u00fcrzen wir uns ins Get\u00fcmmel. Aus irgend einem mir nicht nachvollziehbaren Grund m\u00f6chte sie aber nicht, dass ich das putinm\u00e4ssig mit freiem Oberk\u00f6rper mache.<\/p>\n<p><strong>Werden Schl\u00fcmpfe blau, wenn man sie w\u00fcrgt?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den Besuch der Eremitage ben\u00f6tigt man also eine gewisse Grundaggression. Aus dieser Aggression werden dann auch schnell mal Mordgedanken. Beate m\u00f6chte ihre an dieser Stelle nicht n\u00e4her erw\u00e4hnt wissen. Und meine? Eine Tourigruppe tr\u00e4gt uniformm\u00e4ssig hellblaue Jacken und wei\u00dfe Baseballkappen. Eine Horde Schl\u00fcmpfe. Welche Farbe nehmen Schl\u00fcmpfe eigentlich an, wenn man sie w\u00fcrgt?Sowas in der Art halt.<\/p>\n<p>In einem der endlos langen Flure, deren W\u00e4nde Bilder von zig Meistern schm\u00fccken, hallt es wider vom Schreien und Gr\u00f6len der Besucher. Dazwischen h\u00fcpfen kreischend Kinder herum. Hauptsache laut! Da fallen sie mir das erste Mal auf:<\/p>\n<p>In den Fluren und Saalecken hocken zumeist betagte Aufseherinnen mit scheinbar ausdruckslosen Gesichtern. Eher negativ eingestellte Menschen w\u00fcrden dies wohl als resignierten Fatalismus deuten.<\/p>\n<p>Doch wer genauer hinsieht, entdeckt in ihren K\u00f6rperhaltungen und den Augen eher etwas wie stoische Gelassenheit. Ich frage sie hier und da nach dem Weg. \u00dcber die scheinbar ausdruckslosen Gesichter huscht ein sanftes L\u00e4cheln. Sie antworten mit freundlicher Ruhe. Bewundernswert! Zumal\u00a0unsere Synapsen angesichts der Kunst- und Menschenmassen schlichtweg im Arsch sind (der aufmerksame Leser bemerkt an dieser Stelle eine Variation des floranalen Titelbildes).<\/p>\n<p>Kurz gesagt: Vielleicht sind die Aufseherinnen die wahren K\u00fcnstler in der Eremitage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Art, wie hier eine anti-konventionelle Floralwahl als Pfropf fungiert, um b\u00fcrgerliche Wahrnehmungsgewohnheiten radikal zu dekonstruieren, l\u00e4sst sich wohl am besten jenseits normativ interpretativer Deutungsraster im Sinn einer seriellen \u00c4sthetik aufl\u00f6sen&#8230; So oder \u00e4hnlich sinnlos h\u00e4tte ich gerne mehrere Kunstwerke wie das heutige Titelbild f\u00fcr euch besprochen. 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