{"id":2823,"date":"2019-09-15T01:41:19","date_gmt":"2019-09-14T23:41:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.all-about-schmitz.de\/wordpress\/?p=2823"},"modified":"2019-09-15T01:46:32","modified_gmt":"2019-09-14T23:46:32","slug":"zen-oder-die-kunst-sich-die-augenlider-abzuschneiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.all-about-schmitz.de\/wordpress\/blog\/zen-oder-die-kunst-sich-die-augenlider-abzuschneiden\/","title":{"rendered":"Zen oder die Kunst sich die Augenlider abzuschneiden"},"content":{"rendered":"<p>Kein Reisef\u00fchrer kommt ohne die Bemerkung aus, dass <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zen<\/a>, ein Ableger des Buddhismus, den japanischen Alltag durchdrungen habe. Zen ist eng verbunden mit \u00e4sthetischen Prozeduren: <a href=\"https:\/\/www.all-about-schmitz.de\/wordpress\/blog\/2019\/09\/13\/spuerbar-anders\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teezeremonie<\/a>, Blumenstecken, Schwertkunst, Bogenschie\u00dfen, Gartenpflege, Tuschmalerei und vielerlei Alltagst\u00e4tigkeiten. Mit denen will sich der Laie der Erleuchtung n\u00e4hern. Und wenn es so etwas wie eine Hauptstadt des Zens gibt, dann ist es der Ort, an dem wir gerade sind: Kyoto.<\/p>\n<p>Das Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/B00BCZU7ZA\/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&amp;btkr=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten<\/a>\u201c war einst meine erste Ber\u00fchrung mit Buddhismus allgemein und Zen im speziellen. Damals mit 16, als stolzer Fahrer eines gr\u00fcnes Hercules Mokicks. Das gute St\u00fcck war auf 40 km\/h beschr\u00e4nkt.\u00a0Doch wer will schon Beschr\u00e4nkungen? Ein pubertierender Zen-Praktikant sicher nicht.<\/p>\n<p>Das Wort Zen stammt vom indischen Begriff Dhyana, \u201eZustand meditativer Versenkung\u201c. Man l\u00e4sst sich mit verschr\u00e4nkten Beinen auf der Erde nieder und wird im wahrsten Sinne des Wortes gedankenlos. Wenn dem \u00dcbenden nichts mehr durch den Kopf geht, wird ihm die Aufgabe gestellt, sich auf ein sogenanntes <a href=\"https:\/\/www.findyournose.com\/koan-beispiele-paradox\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Koan<\/a>, zu konzentrieren. Eine paradoxe Anekdote, gegen deren Widersinn sich der gesunde Menschenverstand str\u00e4ubt.\u00a0Gelingt es, das verstandesm\u00e4ssige Str\u00e4uben zu \u00fcberwinden, so sei der Eintritt in die Erleuchtung gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p>Beispiel f\u00fcr ein Koan gef\u00e4llig? Gerne: Wie klingt das Klatschen mit einer Hand? Generationen von M\u00f6nchen d\u00fcrften sich damit schon kontemplativ besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Laut Beate\u00a0klingt das Klatschen mit einer Hand\u00a0\u00fcbrigens wie der Wimpernschlag eines Goldfischs.<\/p>\n<p><strong>Meditatives Rumschrauben<\/strong><\/p>\n<p>Hand hin, Goldfisch her, m\u00f6glicherweise angeregt durch die erbauliche Lekt\u00fcre des oben erw\u00e4hnten Buches, habe ich damals mehr oder weniger im Zen-Sinn meinen Verstand ausgeschaltet und v\u00f6llig meditativ an dem Mokick rumgeschraubt, bis es problemlos locker \u00fcber 80 km\/h fuhr. Eine Form von Erleuchtung wurde mir in dem Augenblick zuteil, als ich innerhalb einer geschlossenen Ortschaft souver\u00e4n eine Zivilstreife \u00fcberholte, die daraufhin mich \u00fcberholte und stoppte.<\/p>\n<p>Einwurf von Beate an dieser Stelle: &#8222;H\u00e4ttest du nicht so etwas wie &#8218;Zen und die Kunst des Fensterputzens&#8216; oder so lesen k\u00f6nnen? Dann h\u00e4tten wir alle was davon!&#8220;<\/p>\n<p>Tja, niemand hat je gesagt, dass der Weg zur Erleuchtung ein streifenfreier oder einfacher sei. Falls es doch jemand macht und daf\u00fcr auch noch Geld verlangt, ist er wahrscheinlich einfach nur ein Erleuchtungs-Blender.<\/p>\n<p><strong>Erleuchtungstr\u00e4ume<\/strong><\/p>\n<p>Denn, so wird \u00fcberliefert, schon der Zen-Gr\u00fcnder namens Bodhidharma hatte allergr\u00f6\u00dfte Schwierigkeiten. Sein Problem: Er schlief bei der Meditation immer ein. So blieb das mit der Erleuchtung f\u00fcr ihn nur ein Traum beziehungsweise ein Trauma.<\/p>\n<p>Seine L\u00f6sung: Mit einem Messer schnitt er sich die Augenlider ab und warf sie weg. Wie gesagt, ein wesentlicher Faktor auf dem Weg zur Erleuchtung besteht darin, den Verstand &#8230; nun ja &#8230; zu \u00fcberwinden. Das erkl\u00e4rt auch folgende \u00dcberlieferung: An der Stelle, an der die Augenlieder landeten, soll der erste Teestrauch gewachsen sein, was die Form der Bl\u00e4tter erkl\u00e4re. Eine willkommene Gelegenheit, an dieser Stelle alle Teetrinker unter unseren Lesern zu Gr\u00fc\u00dfen. Entstand Spargel eigentlich, weil ein M\u00f6nch sich mal , aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, einen Finger abschnitt?<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, ich pers\u00f6nlich ziehe im Vergleich zu den abgeschnittenen Augenliedern die Variante mit dem hochfrisierten Moped vor. Aber das ist nat\u00fcrlich Geschmacksache.<\/p>\n<p><strong>Oh lodernde Flammen &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Eine andere Variante bevorzugte ein japanischer M\u00f6nch. Dazu nutzte er den pr\u00e4chtigsten, \u00fcber 500 Jahre alten Zen-Pavillion in Kyoto, die Goldene Halle.\u00a01950 fackelte der M\u00f6nch die Goldene Halle fachm\u00e4nnisch komplett ab. Wollte er dem r\u00f6mischen Kaiser Nero nacheifern, um beim Anblick des Feuers Harfe klimpernd \u201eOh lodernde Flammen &#8230;\u201c zu singen? Nein,\u00a0der M\u00f6nch zitierte beim Z\u00fcndeln lauthals eine alte buddhistische Weisheit: &#8222;Triffst du Buddha, t\u00f6te ihn!&#8220;<\/p>\n<p>Dieses Zitat bedeutet, dass alle Konzepte, Ideen, Vorstellungen, Wertungen \u00fcberwunden werden sollten. Tempel, spirituelle Rituale etc. seien nichts weiter als ein Zuckerguss \u00fcber den Alltag, letztlich ohne Bedeutung oder sogar Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung.\u00a0Man muss halt Loslassen k\u00f6nnen.\u00a0Ist dieser M\u00f6nch m\u00f6glicherweise der einzige, der Zen-Buddhismus wirklich verstanden hat, wie ihm einige Zeitgenossen attestierten?\u00a0Oder war dies schlicht nur spirituelle Onanie, sein pers\u00f6nlicher Zen-Porn? Nun, das mag jeder f\u00fcr sich selber entscheiden.<\/p>\n<p>Fest steht, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kinkaku-ji\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Goldene Pavillion<\/a> in Kyoto wurde schon kurz nach seiner Zerst\u00f6rung wieder originalgetreu neu errichtet. Unser Plan: Wir fahren auf einem Moped dahin,\u00a0schl\u00fcrfen einen Tee, meditieren und\u00a0z\u00fcnden symbolhaft ein Streichholz an. Mal abwarten, was sich dabei zenm\u00e4ssig so ergibt. Aber uns die Augenlieder abschneiden werden wir ganz sicher nicht.<\/p>\n<p>P.S.: Was geschieht, wenn man \u00fcber 30 Jahre Zen-Buddhismus praktiziert? Das Buch &#8222;Die Erfolglosigkeit des Zen&#8220; gibt dar\u00fcber Auskunft. Wer nicht das ganze Buch sondern nur ein Interview mit dem Autor lesen m\u00f6chte:\u00a0<a href=\"https:\/\/hpd.de\/node\/7985?nopaging=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/hpd.de\/node\/7985?nopaging=1<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Reisef\u00fchrer kommt ohne die Bemerkung aus, dass Zen, ein Ableger des Buddhismus, den japanischen Alltag durchdrungen habe. Zen ist eng verbunden mit \u00e4sthetischen Prozeduren: Teezeremonie, Blumenstecken, Schwertkunst, Bogenschie\u00dfen, Gartenpflege, Tuschmalerei und vielerlei Alltagst\u00e4tigkeiten. Mit denen will sich der Laie der Erleuchtung n\u00e4hern. 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