Bacalar: Türkis auf LSD
Der Blick über die Lagune von Bacalar mit seiner rund 42 km Länge und 2 km Breite wirkt wie ein heftiger Photoshop-Fail. Oder als habe Gott den Blau-Türkis-Farbregler von 100 auf 1.000 % hochgezogen.
Meine Kolleginnen aus der Grafikabteilung (liebe Grüße) würden vermutlich hämisch darauf hinweisen, dass da jemand viel zu überzogen am KI-Rad gedreht habe. Das Farbenspiel der Laguna de Bacalar in Mexiko im Süden der Halbinsel Yucatán erscheint deutlich überambitioniert. Blau-Türkis auf zu vielen, zu harten Drogen.
Ihr merkt schon, ich ringe mit den Worten, um das hiesige Farb-Spektakel angemessen zu beschreiben. Hier hilft Kontext. In diesem Fall die größte und nachhaltigste Umstrukturierungsmaßnahme der Erdgeschichte:
Vor 66 Millionen Jahren: ein Asteroid als kreidezeitlicher Mega-Influencer auf Selbstmordmission Richtung Erde.
Und dann … Krawumm … Kollision (Einschlag nicht weit von hier, vor der heutigen Yucatán-Halbinsel).
Dinos: weg
Atmosphäre: ungemütlich
Evolution: einmal neu sortiert
Dieser kosmische Zwischenfall verändert auch den geologischen Untergrund dieser Region nachhaltig. Es entsteht ein poröses Kalksteinsystem, in dem Regenwasser versickert und das Gestein über Jahrtausende aushöhlt. Wenn die Decke einer solchen Höhle einstürzt, entsteht eine Cenote. Im Grunde riesige, tiefe Pools, Löcher mit Tiefgang. Für die Maya nicht nur Wasserquelle, sondern auch Zugang zur Unterwelt. (Dieser Absatz wird euch präsentiert mit freundlicher Unterstützung von … *Trommelwirbel … google KI).
Jetzt wird’s kurz technisch. Keine Sorge, wir bleiben auf Bierdeckel-Niveau:
Die Lagune von Bacalar ist deshalb so absurd blau-türkis, weil:
- weißer Kalkboden das Licht reflektiert
- unterschiedliche Tiefen verschiedene Blautöne erzeugen
- kaum Sedimente und wenig Algen das Wasser extrem klar halten
Das Ergebnis: 7 Blautöne. Mindestens. Je nach Sonnenstand auch mehr. Es ist ein natürlicher Farbverlauf.
Über all das und mehr könnte auch das neben uns an der Lagune liegende deutsche Rentnerpaar staunend philosophieren. Könnte.
Seit 4 Jahren leben sie in Mexiko, erläutert der weibliche Teil des Paares mir ungefragt. Weil Deutschland so Mist sei, waren sie zunächst 2 Jahre auf Malta, hätten sich dann jedoch für Mexiko wegen des Klimas und der Strände entschieden, Karibik und so, auch ihr Sohn mit Lebensgefährtin sein inzwischen hier um anschließend in epischer Breite auszuführen, was in Mexiko alles schief laufe aber die Zimtschnecken beim Bäcker Schlagmichtot in Playa del Carmen, ein Traum und ihr Mann ergänzt, extra dafür hinfahren müsse man nicht, aber wenn man schon mal in der Nähe sei, außerdem sei ihre Schwester an Krebs verstorben und deren Mann habe das Testament manipuliert…
Für einen kurzen Augenblick stelle ich mir vor, wie die beiden gerade von einem sehr kleinen Asteroiden, wie einst die Dinosaurier, ausgelöscht werden. Mein leichtes Grinsen angesichts dieses Gedankens missdeutet sie als Aufforderung, Anekdoten aus ihrer Jugend in Deutschland kundzutun.
Die Gesichtszüge ihres Gatten deuten darauf hin, dass er die Geschichten schon mehr als nur 2 oder 3 Mal vernommen hat.
Beate liest derweilen ein Buch und ignoriert tapfer. Als das Rentnerpaar anschließend zu einer vernichtenden Kritik der mexikanischen Küche ausholt, verabschiede ich mich aus der Smalltalk-Geiselhaft höflich mit einem Sprung ins türkise Nass.
Ich bleibe einfach unter Wasser und staune über das völlig überdrehte Türkis.
Psychologisch passiert was wirklich interessantes: blau als kurzwellige Farbe beruhigt das Nervensystem, Puls- und Stresslevel sinken. Türkis signalisiert Sicherheit, denn diese Farbe entsteht bei klarem, flachen Wasser. Unser Gehirn interpretiert das als sauber, überschaubar, ungefährlich. Evolutionär also top bewertet. 5 von 5 Sternen.
Vielleicht bin ich etwas zu lange unter Wasser und der fehlende Sauerstoff + Türkis lässt meine Hirnzellen halluzinieren.
Für einen wundervoll langen Moment stelle ich mir vor, ich hätte so eine Lagune zu Hause.
Als Badewanne.
