Fluch der Karibik
Unser Holz-Bungalow in Playa del Carmen ist angenehm großzügig. Genau richtig für die letzten Tage in Mexiko. Von der Terrasse aus sehen wir das Meer. Und hören es auch.
Ein sandiger Weg führt vorbei an weiteren, gegenüberliegend angeordneten Holz-Bungalows und Palmen zum Strand.
Jetzt, am frühen Morgen, verharren zwischen den Palmen gespannte Hängematten regungslos, als hätten sie die Nacht noch nicht losgelassen.
Wir gehen barfuß Richtung Strand. Der Sand ist angenehm kühl, das Licht noch weich.
Am Horizont schiebt sich die Sonne langsam über dem Meer nach oben. Für einige Momente wirkt die Karibik so, wie sie sein soll. Vielleicht sogar ein bisschen besser.
Während das Licht stärker wird, beginnt das Wasser, seine Blautöne zu sortieren.
Doch es kommt ein Farbton hinzu, der irritiert: braun.
Dieses Braun liegt stellenweise nur wenige Zentimeter breit am Strand, an anderen Stellen zieht es sich über mehrere Meter und türmt sich zu Haufen.
Welle für Welle erbricht das Meer eine braune Masse an den Strand: Sargassum. Klingt nach einem Gewürz, ist aber eine Braunalge.
Die gab es schon immer.
Nur nicht in dieser Menge.
Seit gut 15 Jahren jagt eine Rekordwelle die nächste. Zeitweise zieht sich über Monate hinweg ein mehrere tausend Kilometer langer Braunalgengürtel durch den Atlantik, bis hinein in die Karibik. Der Große Atlantische Sargassum Gürtel.

Quelle: Wikipedia | Grafik: ChatGPT
Die Gründe sind einfach:
Ein Ozean, der wärmer wird. Düngemittel, die über Flüsse wie den Amazonas in großen Mengen ins Meer gelangen. Unsere Lebensweise.
Für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sowie für den Tourismus an den Küsten ist diese Kombination ein immer massiver werdendes Problem.
Für Sargassum hingegen ein immer üppiger werdendes All-inclusive-Buffet.
Den Strandabschnitt unseres Hotels säubern schon früh mit Harken bewaffnet drei Bedienstete. Die vollgeladenen Schubkarren schieben sie anschließend rund 150 Meter durch den Sand zu einer Sammelstelle.
Den ganzen Vormittag lang.
Eine schweißtreibende Kombination aus Knochen- und Sisyphusarbeit. Möglicherweise ein nicht zu gewinnender, rein kosmetischer Kampf gegen den schleichenden Untergang einer Postkartenidylle.
Übrigens: Sollte jemand von euch einem Fetisch für faule Eier Bouquets frönen, dem empfehlen wir uneingeschränkt, den Verwesungsvorgang der Braunalgen tief zu inhalieren.
Auch Insektenliebhaber kommen bei der näheren Betrachtung der vor sich hin verrottenden Masse aber mal so was von auf ihre Kosten.
Ideal wäre also ein(e) Insektenliebhaber(in) mit Faulem-Eier-Aroma-Fetisch.
Das ist jetzt nicht wirklich so unser Ding. Was machen Beate und ich? Am Strand im Schatten liegen, lesen, was Leckeres schlürfen, den Blick über die traumhaft schöne Weite des Meeres schweifen lassen und das, was nur wenige Meter vor unseren Füßen liegt, so gut wie möglich ignorieren.
Das gelingt natürlich nur temporär.
Die drei Bediensteten schieben ihre Schubkarren an uns vorbei Richtung Sargassum-Sammelstelle.
In Kürze kommen sie wieder. Und morgen. Und übermorgen…
