Content für die Götter
Ein Gedankenspiel: ich wäre damals Maya gewesen.
Nicht der übertrieben dramatische Typ mit Federkopfschmuck, der auf Pyramiden in die Sonne blinzelt und massenhaft Kehlen aufschlitzt, um das Wohlwollen irgendwelcher Gottheiten zu erdealen. Eher so der Typ, der versucht hätte, die Götterwelt mit minimalerem Einsatz maximal effizient zufriedenzustellen.
Kurz: kein Priester. Eher Content-Ersteller, dessen Inhalte hoffentlich auch bei den Göttern halbwegs ankommen.
Bevor wir zu meiner spirituellen Maya-Götter-Content-Strategie kommen, kurz für alle, die bei „Cenote“ eher an Tapas denken:
Die mexikanische Halbinsel Yucatán ist im Grunde ein riesiger Kalksteinblock mit Löchern, wie Schweizer Käse (5 Euro ins Phrasenschwein).
Eine Cenote entsteht, wenn eine Höhlendecke einbricht und den Blick auf das Grundwasser freigibt.
Für die Maya war das kein hübscher Instagram-Spot, sondern ein perfekt organisiertes All-in-One-System:
- Die Lebensader: Ohne Cenote kein Wasser. Ohne Wasser keine Landwirtschaft.
- Die Schnittstelle: Direkter spiritueller Zugang zur Unter- und Götterwelt, um etwa beim Gott Chaac um Regen zu bitten.
Ich hätte meine Cenote wie eine Content-Plattform behandelt: Regelmäßig bespielen. Auf Resonanz hoffen. Bei Bedarf dezent nachjustieren.
Und während ich da gesessen hätte, wäre mir ein Detail unangenehm aufgefallen: Wir trinken hier raus und werfen gleichzeitig Dinge und gerne auch mal Menschen als Opfer rein. Je nach Umständen mit steigender Eskalationsstufen.
Vermutlich hätte ich das kurz hinterfragt.
Und dann wahrscheinlich weitergemacht.
Nicht aus Überzeugung. Mehr so aus Aspekten des Risikomanagements.
Man will ja nicht der Einzige sein, der plötzlich rational wird. Denn selbst wenn es keine Götter gibt, wären trotzdem die Priester angesichts meiner Bedenken sauer.
Nachher lande ich dann noch auf der Spitze eine Maya-Pyramide und werde rituell abgeschlachtet oder in einer Cenote mit Steinen beschwert. Unattraktiv. Mir fehlt da das Märtyrer-Gen.
Möglicherweise hätte ich also zur Sicherheit noch ein Opfer hinterhergeschoben. Die zwölftbesten Sandalen meiner Frau oder so. Sie hätte wahrscheinlich auch damals mehr als genug davon gehabt.
Heute sitze ich an so Cenoten in Kantun-Chi, nicht weit von Playa del Carmen. Ich bin sehr früh da, zum Leidwesen der für sie zu zeitig geweckten Beate. Die präferiert es eh, auf einem Liegestuhl lesend immer wieder aufs Meer zu blicken.
Der Vorteil des Frühaufstehens am Cenoten-Eingang: Null Menschen. Null Warteschlange. Nur Personal.
Allerdings auch null zu erwerbende Opfergaben am Ticketschalter. Keine Jadesteine. Keine Meerschweinchen. Keine Menschen. Nichts.
Hier ist noch Luft für Merchandising.
Während ich dann alleine durch das Wasser der insgesamt vier Cenoten schwimme und schnorchle, merke ich: Ich mache Ähnliches wie damals, nur in moderner Form und mit fragwürdiger Erfolgsquote.
Ich opfere:
- Schlaf (weil ich früh hier bin)
- Energie (weil ich unbedingt noch tiefer in die Cenoten reinschwimmen und schorcheln muss. Da könnte noch was spannendes sein)
- Handy-Speicherplatz (weil ich Unterwasser sicherheitshalber alles dreimal filme, denn das Handy-Schutzgehäuse lässt mich das Display kaum erkennen)
- Würde (für den einen Selfie-Kamerawinkel, bei dem ich ausnahmsweise nicht aussehe wie ein verwirrter Touri mit Taucherbrille)
- Realitätssinn (weil ich kurzzeitig ernsthaft denke, dass ein paar Sekunden Unterwasser-Blaulichtgewackel von Kalksteinen in einem Insta-Reel beeindruckend wirkt)

Ich positioniere mich, korrigiere den Winkel, halte die Luft an, drücke ab. Später am Tag lade ich es sauf Insta/WhatsApp/TikTok/FB hoch und warte. Auf ein Zeichen.
Früher: Regen
Heute: Reichweite
Früher hätte man das Opfergabe genannt.
Heute nennt man es Upload.
Die Währung hat sich geändert.
Das Verhalten kaum.
Damals: Opfer in das Loch einer Cenote.
Heute: Content ins digitale Loch.
Bin mir nicht sicher, was irrationaler ist.
Nur dass der Gott heute nicht mehr Chaac oder so heißt.
Sondern Algorithmus.
