Gepflegte Verwahrlosung
Willkommen beim Endgegner jeder To-do-Liste, jeder Produktivität: Caye Caulker.
Der offizielle Slogan der knapp 4 Quadratkilometer kleinen, vor Belize liegenden Insel lautet „Go slow“.
Das ist hier weniger ein Motto als ein Naturgesetz. Wir und alle anderen schlurfen den hiesigen karibischen Temperaturen angemessen träge mit Flip-Flops durch das Örtchen. Die Füße keinen Mikromillimeter höher hebend als unbedingt notwendig. So, als würden wir Energie sparen für etwas, das ganz sicher nicht mehr passiert.
Da Autos verboten sind, schleichen hier einige mit Golfkarren über die sandigen Wege der Insel. Speed Limit 10 km/h. Es hat was von „Mario Kart für Senioren“ mit Hindernissen wie schläfrigen Hunden, tiefhängenden Palmenwedeln und rumschlurfenden Menschen.
Niemand hat es eilig.
Die Insel ist touristisch vorwiegend Backpacker-Territorium. Möglicherweise findet gerade für sie aber auch für Einheimische ein Reality-Show-Casting statt. Wir mutmaßen der Titel dürfte „Inselleben mit minimalstem Textilanteil“ lauten.
Nicht mehr ganz so unser Ding. Zumal ich eh nach 20 Minuten wie ein gekochter Hummer aussehen würde. UV-Index 12. Wir überlegen eher, welche Liege am Meer den ergonomischsten Winkel für den Lendenwirbelbereich bietet. Prioritäten verschieben sich im Alter.
Was wir so machen? Aufstehen ohne Wecker. Blick aufs Meer. Kaffee. Saft. Frühstück. Noch ein Kaffee. Noch ein Saft. Abwechselnd bestaunt von einem Leguan und diversen bunten Vögelchen.
Dann die große Frage: linksrum oder rechtsrum laufen? Beides führt zuverlässig ins kultivierte Nichtstun. Aber immerhin auf leicht unterschiedlichen Routen.
Wir gewöhnen uns schnell daran, dass die wichtigste Entscheidung des Tages darin besteht, ob wir einen Rum-Punch vor oder nach dem Sonnenuntergang bestellen.
1x sind wir eskaliert und haben mit einem zweiten und dritten unseren Flüssigkeitshaushalt aufgefüllt.
Zu unserer Verteidigung sei angemerkt, dass wir nach dem zweiten eigentlich gehen wollten. Allerdings wies uns die Bedienstete darauf hin, dass wir Cash zahlen müssten. Die aktuelle Rechnung reiche noch nicht, um sie mit Kreditkarte begleichen zu können, es gebe da einen Minimalbetrag.
In Ermangelung von ausreichend Bargeld blieb uns also nichts anderes übrig als verantwortungsvoll weiterzutrinken.
Diese interessante Mischung aus zu viel Alkohol + tropischen Temperaturen + eine Grundstimmung von „Ist jetzt auch egal“ führte dazu, dass selbst Sitzen eine gewisse Disziplin erfordert. Bewegung wird optional. Gleichgewicht zur Verhandlungssache.
Überhaupt Alkohol: der ist hier allgegenwärtig. Restaurants werben mit Premium-Produkten wie Big Titty Rum und philosophisch tiefschürfenden Weisheiten wie „Of course size matters. No one wants a small glass of wine“.
Wobei die meisten Restaurants nichts anderes als offene Bretterverschläge mit Wellblechdach sind. Mache stellen sogar einfach nur einen Grill mit 2 oder 3 Tischen an die Straße. Is(s)t sehr basic und wirkt wie Guerilla-Grillen. Doch das Essen mundet premium. Da könnten in Deutschland so manche mit Weber-Grill-Universitäts-Diplom staunen und lernen.

So, langsam aber sehr sicher entwickeln wir uns Richtung gepflegte Verwahrlosung und sind dabei sehr zufrieden mit der Gesamtsituation.
Mehr passiert nicht. Und das reicht völlig.
