Tikal: Tempel und T-Rex mit Bronchitis

Tikal: Tempel und T-Rex mit Bronchitis

Fleißige SchmitzeonTour-Leser wissen: Beate ist Team Städtereise.

Als braver Ehemann habe ich uns deshalb nach Cancun und Mexico City eine dritte Stadt ins Reiseprogramm organisiert: in Guatemala gelegen, über 100.000 Einwohner, im Großraum sogar bis zu 1 Million, zahlreiche architektonische Meisterleistungen, tolle Tempel sowie politisches und kulturelles Zentrum. Viel mehr geht kaum.

Ok, zugegeben.
Diese Angaben stammen von vor rund 1.200 Jahren. Heute finden sich dort maximal 1.000 Menschen am Tag ein. Außerdem ist das meiste von dichtem Dschungel überwuchert. Aber darauf würden nur Kleingeister hinweisen.

Die Rede ist von der Maya-Stadt Tikal. Wer den Ort auf Google Maps findet, sieht vor allem Grün. Sehr viel Grün. Denn die Tempelanlage liegt wirklich mitten im Dschungel. Der nächste Ort, Flores, ist rund 60 km entfernt. Hier gibt es genau drei kleine Hotels. Sonst nichts.

Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir vielleicht 30 Meter Wiese.
Danach beginnt der Dschungel. Und der hört die nächsten 70 oder 80 Kilometer nicht mehr auf.

Dreimal täglich gibt es Strom: von 8 bis 10 Uh von 12 bis 14 Uhr und von 18 bis 21 Uhr. Immerhin.
Wobei diese Zeiten eher als grobe Orientierung zu verstehen sind.

Am Donnerstagnachmittag (16. April) machen wir uns, die Mittagshitze und -schwüle hinter uns lassend, auf den Weg durch die Tempelanlage.

Der Dschungel ist zum Teil dicht. Richtig dicht. Keine Chance, auch nur zwei oder drei Meter in die Büsche zu verschwinden.

Die Akustik: Jurassic Park.
Das Klima: tropische Waschküche.

Die Wege sind naturbelassen, aber trotz vieler Wurzeln gut begehbar und zum Glück prima ausgeschildert. Nach gut 20 Minuten öffnet sich der Dschungel plötzlich:

Der Grand Plaza. Das einstige Manhattan des Dschungels. Zwei steil in den Himmel ragende Tempel-Skyscraper stehen sich hier seit Jahrhunderten schweigend gegenüber.

„Ich habe Gänsehaut“, meint Beate ehrfurchtsvoll.

Ein Ort, der auch ohne WLAN, Mall und Starbucks beeindruckt.

Wir streifen noch eine ganze Weile durch die Anlage. Kaum Besucher, ganz viel Dschungel und überwucherte Tempel mit kräftigen Indiana-Jones-Vibes. 

Nebenbei entdecken wir ein paar Brüllaffen (die „Brüllis“, wie Beate sie nennt) hoch oben in den Bäumen, ein bunter Specht hackt rhythmisch ein Loch und ein Nasenbär schnüffelt sich über den Weg.

Sonnenuntergang ist um 18:15 Uhr. Wir machen uns frühzeitig auf den Rückweg, um uns nicht bei Dunkelheit durch den Dschungel schlagen zu müssen. Außerdem schmerzt Beate die eine oder andere Blase an den Füßen.

Nach so viel Aktivität sind wir früh im Bett. Um 21 Uhr ist es eh dunkel, weil keine Elektrizität. Bis, ja, bis wir gegen 2:30 in der Nacht Zeugen einer intensiveren Brüllaffen-Diskussion werden. Die klingen, wie ein T-Rex mit schwerer Bronchitis. Und Megaphon.

Um 4 Uhr früh wollte ich eh raus, weil ich eine Sonnenaufgangstour gebucht habe. Um diese Uhrzeit liegt die Temperatur noch im erfreulichen Bereich unterhalb der 30-Grad-Marke. 

Am Eingang zum Park finden sich dafür rund 200 Frühaufsteher ein. Die Guides mahnen zu Tempo. Denn das Ziel ist eine Plattform auf dem mit 64 m höchsten der Tempel. Der wird, erstaunlich unpoetisch, einfach nur als Tempel IV bezeichnet.

Allerdings habe ich Idiot mein Ticket nicht dabei. Kein Ticket, keine Sonnenaufgangstour.

Ich stapfe ziemlich wütend auf mich selbst zurück Richtung Hotel. Am liebsten würde ich im Chor der weiterhin aktiven Brüllis mit einstimmen. Ein Höchstmaß an Beherrschung sowie meine gute Erziehung lassen mich jedoch schweigend fluchen.

Ohne Guide darf man erst ab 6 Uhr in die Tempelanlage. Um 5:45 Uhr stehe ich am Eingang. Die Wächter lassen mich schon rein, während sie genüsslich Kaffee schlürfen.

Meine Wut legt sich schnell. Niemand, absolut niemand ist mit mir unterwegs. Sogar der Grand Plaza, die Hauptattraktion, ist menschenleer. Für einen langen Moment erfasst pure Magie all meine Zellen. 

Erst kurz vor dem Sonnenaufgangs-Tempel IV kommen mir zahlreiche Touristen mit ihren Guides entgegen.

Alleine besteige ich die handgezählten 210 Stufen eines Holzgerüsts steil hoch auf die Aussichtsplattform von Tempel IV.

Niemand da. Keine Seele. Vor 30 Minuten ist die Sonne aufgegangen. Liebend gerne würde ich jetzt was von mystische Erfahrung oder so texten. 

Doch alles was ich sehe ist Nebel. Eine weiß-graue Suppe durchzieht das Dschungeldickicht. Keine 50 m Sichtweite. Die noch immer dicht über dem Dschungel aufsteigende Sonne wirkt nur milchig gelb. Ein paar Vögel singen. 

Wie bezeichnet man eigentlich Fachleute für Nebel? Nebulogen? Ich weiß es nicht. Die hätten hier aber sich sehr viel Freude.

Ich nicht so. Vielleicht bin ich einfach nur ignorant, keine Ahnung. Doch wenn ich die Augen schließe, ist das hier nur eine Dampfsauna mit Vögelgezwitscher. 

Die Vorstellung, dies mit 200 weiteren Touristen teilen zu müssen, macht es nicht besser. Ich hätte denen einfach nur Sauerstoff weggeatmet. So gesehen bin ich über meine Idiotie mit dem Ticket sehr froh.

Anschließend erkunde ich noch Bereiche und Tempel, die wir gestern nicht besucht haben. In 3 Stunden begegnen mir nur eine Handvoll Menschen.

Irgendwann fällt mir der Begriff „Waldbaden“ ein. Ok, es ist auch jetzt schon am frühen Morgen ein heißes Bad. Egal.

Ich schlendere genüsslich zurück ins Hotel. Beate schlummert noch friedlich im Bett. Vielleicht träumt sie dabei schon von der nächsten Städtereise.

Spoiler: die nächsten 2 Ziele sind Inseln :-)

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