Teotihuacán: Zwischen Göttern und Ticketschaltern

Teotihuacán: Zwischen Göttern und Ticketschaltern

Das mit dem Frühaufstehen im Urlaub ist ja für gewöhnlich so eine Sache. Jetlagbedingt fällt uns das im Moment aber noch recht leicht. Deshalb ist schon vor Sonnenaufgang am heutigen Montag Programm angesagt: die Pyramiden von Teotihuacán. Der Name bedeutet „Der Ort, wo der Mensch zu Gott wird.“ Mal schauen, ob es bei uns klappt. Außerdem gab es dort einst unzählige Menschenopfer. Das klingt nach einem interessanten Start in die neue Woche.

Für die 52 Km von unserer Unterkunft zur Tempelanlage nutzen wir wie immer hier Uber, weil bequem und günstig. Die Fahrt kostet 23 Euro und bei der hiesigen Verkehrslage erhalten wir ein paar spannende Fahrmanöver on Top.

Grundsätzlich gilt: geübte Mario Kart Gamer sind klar im Vorteil. Ebenso klar ist aber auch, dass wir den Verkehr nicht sooo dramatisch sehen .

Sicher, wer etwa Paris als chaotisch empfindet, wird hier seine Vorstellung von chaotisch neu überdenken müssen. Doch so krass, wie es viele in den Sozialen Medien darstellen, ist es nun wirklich nicht.

Beim Angucken derartiger Reels lächeln wir milde und fühlen uns wie alte Kriegsveteranen, die schon weitaus heftiger Schlachten erlebt haben. Vielleicht sind wir aber auch einfach mittlerweile ebenso abgebrüht wie abgestumpft.

Ebenso abgebrüht wie abgestumpft scheinen uns dann auch die Bediensteten am Ticketoffice in Teotihuacán. Um 8 Uhr soll es öffnen. Nichts passiert. Mit uns wartet noch eine weitere Touristin. Ihre Geduld scheint äußerst begrenzt, denn sie fragt uns, warum das nicht geöffnet werde.

Beate antwortet welterfahren und weise lächelnd  „Mexiko“. Ich schiebe noch ein „Relax“ hinterher, weil das ja bei Frauen, die sich schnell auf die 180 zubewegen, immer extrem gut ankommt.

Ihre Augen antworten erstaunlicherweise, dass sie mich jetzt gerne als Menschenopfer sehen möchte, um den ganzen Ticket-Prozess zu beschleunigen.

Nach ein paar Minuten erscheint kauend ein Bediensteter. Guckt kurz zu uns rüber und geht wieder. Die Menschenopfern nicht abgeneigte Touristin hat ein Ventil für ihre Ungeduld entdeckt und blafft den Bediensteten an, wann denn nun endlich geöffnet werde. Wenn Menschen hier tatsächlich zu Göttern werden sollten, transformiert sie sich wahrscheinlich in die Göttin der Furien.

Er geht kurz in sein Ticket-Häuschen, kommt mit einem Kollegen wieder raus. Offenbar funktioniert der Computer nicht. Na gut, denke ich mir. Es ist Montag früh, da haben wir alle schon mal Startschwierigkeiten.

Ein mittlerweile eingetroffener Guide versucht zwischen der Göttin der Furien und den Bediensteten diplomatisch zu vermitteln. Möglicherweise sollen wir einfach nur ein paar Minuten warten. Möglicherweise aber doch lieber an einem anderen, 1,1 Km entfernten Eingang unser Glück versuchen. Man weiß es nicht so genau. Dem Gesichtsausdruck der Bediensteten nach zu urteilen, hat Teotihuacán sie zu Göttern der Gleichgültigkeit werden lassen. 

Beate und ich nutzen die Wartezeit, um Sandwiches als Frühstück einzunehmen, die wir noch vor unserer Fahrt hierhin vor Sonnenaufgang in einem 24/7 Kiosk gegenüber unserer Unterkunft erworben hatten.

Nix passiert. Die Schlange am Eingangstor wird länger. Um 8:30 Uhr entscheiden wir uns, das gut 1 km entfernte Gate aufzusuchen und machen uns auf den Weg. Dort angekommen stellen wir fest, dass auch hier der Computer nicht funktioniert. Der Bedienstete im Ticket-Schalter hat aber die göttliche Eingebung, uns Tickets gegen Cash zu verkaufen.

Die nächsten Stunden erkunden wir die weitläufige, beeindruckende Tempelanlage. Wer von euch genauere Infos zu Teotihuacán haben will, der wird u.a. hier fündig.

Bis 12:30 Uhr misst mein Schrittzähler knapp 10 km Gehstrecke mit 15 Stockwerken. Rund 25 % weniger Sauerstoff in dieser Höhe tun ihr übriges. Für uns wird Teotihuacán zum Ort, wo der Mensch zum Gott der müden Beine wird. Oder wahlweise auch zum Gott/Göttin der Blasenpflaster.

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