Lucha Libre: Maskierte Halbgötter, große Emotionen und traumatisierte Geschmacksknospen

Lucha Libre: Maskierte Halbgötter, große Emotionen und traumatisierte Geschmacksknospen

Es gibt Abende, da gilt: den Logik-Schalter auf Null stellen und die Emotionen auf 100 % hochdrehen. Und dann einfach mittreiben lassen. Gestern war so einer.

Die Beste/Beate hatte uns Tickets besorgt, um uns ins Epizentrum des mexikanischen Volkssports Lucha libre zu katapultieren (herzlichen Dank für den Tipp an Hannah aus Köln).

Lucha Libre heißt übersetzt „freier Kampf“. Was man hier erlebt, ist allerdings eher eine präzise choreografierte Explosion aus Emotion, Akrobatik und kollektiver Eskalation. Mexikanisches Wrestling. 

Hier ist das Ganze eine Art Religion mit klare Rollenverteilung  im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse und einer Gemeinde, die ihre Liturgie mit beeindruckender Hingabe zelebriert.

Der Ort des Geschehens: die Arena México „La Catedral de la Lucha Libre“ . Ein 16.000 Zuschauer fassendes Bauwerk. Eine Kathedrale des Wahnsinns. Verstärkt durch die Tatsache, dass die Arena inmitten eines der eher spannenden Stadtviertel liegt.

Laut diverser Quellen wird vom Betreten der Seitenstraßen deutlich abgeraten. Außer natürlich, man ist mental und physisch auf seinen ganz persönlichen Lucha Libre vorbereitet, bei dem die Gegner keine Masken tragen und die Regeln deutlich weniger Show sind. Wir haben uns also brav mit Uber bis direkt vor den Haupeingang fahren lassen.

Drinnen angekommen: Die Ränge sind zu zwei Dritteln gefüllt. Die Stimmung: irgendwo zwischen fiebrig aufgeladenem Fußballstadion, Familientreffen und fröhlichem Volksfest.

Die Lautstärke: zum Teil Tinnitus verursachend. Manchmal  kriecht sie mir in den Brustkorb und rüttelt dort an den Organen, als wolle sie prüfen, ob alles noch an seinem Platz ist. 

Im Ring: maskierte Halbgötter. Männer und Frauen, die aussehen, als hätten Marvel und ein mexikanischer Jahrmarkt Kinder gezeugt. Sie tragen Masken, keine bloßen Accessoires, sie sind Identität und Mythos.

Und wie schon kurz erwähnt, die Ordnung beim Kampf ist einfach, klar und erzählt die älteste Geschichte der Welt:

• Die Guten (Técnicos) gegen die Bösen (Rudos).

• Schwarz gegen Weiß.

• Brave Schwiegersöhne gegen Bad Boys.

Das Publikum: teilweise selber maskiert. Es wird kommentiert. Diskutiert. Verurteilt. Gelitten. Geflucht. Gefordert. Geschrieen. Angefeuert.

Und: Es ist nun wirklich kein reiner Männerabend. Zahlreiche junge Frauen im Publikum gehen mindestens genauso engagiert mit. Da werden die Fäuste geballt, die Hände vor Entsetzen über dem Kopf zusammengeschlagen oder jubelnd in die Höhe gerissen. 

Und auch sehr genau hingeschaut. Die Mischung der Akteure , der Luchadores, aus Superheld, Zirkusartist mit Fitnessstudio-Dauerkarte hat ganz offensichtlich eine gewisse Anziehungskraft. Ein Umstand, den Beate mit einem Augenzwinkern und fachkundigem Blick würdigte.

Gravitation scheint zum Teil nur eine Option, keine physikalische Gesetzmäßigkeit. Salti, Drehungen, Sprünge aus Höhen, bei denen ich schon beim Gedanken daran meine Berufsunfähigkeitsversicherung überprüfe.

Natürlich weiß jeder: Das hier ist Show. Der Ausgang ist geplant. Die Dramaturgie sitzt. Und trotzdem schreit die Halle, als hinge das Schicksal des Universums davon ab, ob der Técnico/Gute jetzt wirklich noch einmal aufsteht. 

Trotzdem buht sie, als hätten die Rudos/Bösen soeben einen süßen kleinen Hundewelpen ertränkt. 

Diese Mischung aus Wissen und bewusstem Ignorieren macht den Reiz aus. Alle spielen mit. Werden zum Teil des Ganzen. Genau darin liegt die Magie. Eine Mischung aus Sport, Theater, Ritual und kollektiver Katharsis.

Fast hätte ich es vergessen. Nein, wahrscheinlich wollte ich es verdrängen: Dazu gibt es 1 Liter Becher Bier mit „Escarchado“, rituell verziertem Becherrand. 

Zuerst wird der Becherrand in eine klebrige, dunkelrote Masse getunkt, eine Mischung aus Aprikosen und Chili. Danach folgt das Bad in einer Mischung aus grobem Salz und Chili-Limette-Pulver. Dann noch etwas Sesam. Das Ergebnis sieht aus, als hätte der Becher eine sehr heftige Nacht in einem Vulkan verbracht. 

Das Ganze ist für eine sensorische Grenzerfahrung. Beim Trinken frage ich mich, ob das im Leistungsumfang der Auslandsreisekrankenversicherung eingeschlossen ist.

Die Schmitze on Tour Wertung: 10/10 trotz meiner traumatisierten Geschmacksknospen.

P.S.: das s/w Foto wurde im Serien-Modus auf dem iPhone geschossen. Bedeutet, von fast 700 Bildern gab es dieses eine, dass genau passte. 

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